Alligatoahs „Schlaftabletten und Rotwein“: Das Album der vielen Geschichten

„Was ist, wenn wir alle gar nicht real sind, sondern nur die verschiedenen Persönlichkeiten eines Wahnsinnigen?“ Das ist Matrix mal anders. Die Alligatoah-Matrix, die er in Schlaftabletten, Rotwein V konsequent weiterspinnt. Der Albumtitel weckt Hoffnungen auf eine Reminiszenz auf alte Tage. Nicht jedoch mit Alligatoah. Der bleibt sich selbst treu und erfindet sich und seine fiktionalen Figuren regelmäßig neu, Stillstand ist nicht. Auch nicht mit Schlaftabletten und Rotwein.

 

So ist das Album mit seinen 16 Songs ein ordentliches Brett, das den Kopf fordert, möchte man Alligatoah und dem, was er zu sagen hat, wirklich zuhören und nicht nur nebenbei dudeln lassen. Denn sind wir ehrlich: Dafür ist das Album und insbesondere die Texte zu wertvoll.

 

Alligatoah als moderner Geschichtenerzähler

 

Dennoch, wer genau hinhört, der findet aber das durchgängige Muster. Beißende Sozialkritik und eine bis ans Ende sezierte Gesellschaft. Das Ganze verpackt in verklausulierte Sätze und spannende Geschichten, über die man erst einmal nachdenken muss. Es ist kompliziert und sperrig, aber genau das ist das Spannende, es sich einfach machen kann schließlich jeder. Was Schlaftabletten, Rotwein V so interessant macht und konträr zu den letzten Alben stehen lässt, sich aber wunderbar in die StRv-Vorgänger Schlaftabletten, Rotwein einreiht: Alligatoah bearbeitet nicht nur einen durchgängigen roten Faden, vielmehr greift er verschiedene Themenkomplexe auf. Natürlich schlüpft Alligatoah in seinen Songs gerne in verschiedene Rollen, dennoch erscheint es fast, als hätte er es für dieses Album noch einmal intensiviert. Seine Figuren begleitet man dann durch feine, kleine Geschichten, wie in  der Songtrilogie „Die grüne Regenrinne“. Hauptprotagonist hier: Ein versoffener Detektiv bei der Arbeit, Verschwörungstheorien inklusive.

 

Album mit Sozialkritik

 

Es wäre jedoch kein Alligatoahalbum, würde man nicht mit einem Spiegel den momentanen Stand der Gesellschaft vorgehalten bekommen. So bearbeitet er beispielsweise in „Terrorangst“ die durch die mediale Berichterstattung noch weiter geschürte Panik vor Terroranschlägen und die damit einhergehende deutliche Stigmatisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen. („Sag mir dein Herkunftsland und ich hab Terrorangst“).„Terrorangst“ ist aber bei weitem nicht das einzige Lied, in welchem Alligatoah klare politische Stellung bezieht bzw. seine fiktionalen Figuren Stellung beziehen lässt. In „Füttern verboten“ treibt Alligatoah sein Textgame auf die oberste Spitze. Bitterböse seziert er mit einem Blick von außen in Gestalt eines Safariurlaubers die Gesellschaft.

 

In „Hass“ begleitet man einen cholerischen Autofahrer durch den Straßenverkehr. Tragische Wahrheiten, die Alligatoah ans Tageslicht zerrt. Jeder, der sich schon einmal durch die Großstadtblechlawinen gewälzt hat, versteht das zumindest teilweise. Soundtechnisch klingt der Track wie eine Mischung aus Slipknot und System of a Down und fällt damit ordentlich aus dem Albumsoundkonzept raus. Macht aber nichts, der Ragemodus muss ja auch klangtechnisch da sein.

 

Felix Brummer – überraschendes Feature

 

Extrem lässig hat sich auch Felix Brummer von Kraftklub für „Beine brechen“ mit aufs Album geschlichen. Seinen Part inklusive Handyhate hat bei uns doch für ein verdutztes Gesicht gesorgt. Mit ihm als Feature hätten wir definitiv nicht gerechnet. Umso besser, dass es perfekt funktioniert.

 

Das Album macht glücklich. So wie Rotwein eben.

 

Was bleibt ist ein müder Kopf nach einem durchgehörten Album. Aber auch Begeisterung, denn Alligatoah kann Sprache  und zwar so, dass es verdammt viel Spaß macht . Dadurch, dass er das mit weiteren verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen ziemlich elegant (mehr oder weniger) kombiniert, macht das glücklich. Sehr sogar. Auch mit StRw V bleibt er einer der versiertesten und vertracktesten Texteschreiber, die es im deutschsprachigen Raum gibt. Von den passenden Videos und dem Savannenkonzert haben wir noch nicht angefangen. Vielleicht ein andermal.

 

Carola Schulz