Clawfinger begeistern ihre Fans im ausverkauften Technikum

Die 90er waren musikalisch gesehen ein ganz besonderes Jahrzehnt. Es waren Jahre, in denen Genre-Grenzen nicht mehr zählten und gesellschaftskritische Aussagen, sich nicht hinter Floskeln mit doppeltem Boden zu verstecken brauchten. In dieser Umgebung entstanden zahlreiche Bands und wegweisende Genres, die bis heute Relevanz besitzen und deren wichtigste Vertreter in großen Teilen immer noch die Bretter, die die Welt bedeuten bespielen.

So wurde zum Beispiel das geflügelte Wort „Crossover“ zur stellvertretenden Bezeichnung für einen Stil-Mix, der Elemente aus dem Metal, Rock, Hip-Hop und Industrial zu vermengen wusste. Zu den europäischen Pionieren gehören dabei zweifelsohne Clawfinger aus Schweden, die 1993 mit ihrem Debüt „Deaf Dumb Blind“ in die Musiklandschaft einschlugen und sich in der Hochphase des beschriebenen Sounds, den sie mit definierten, im Mainstream verankern konnten.

Wie bei so vielen anderen Genres, war die Luft aus dem Crossover spätestens raus, als das nächste große Ding in Form des Nu Metal explodierte und alle Formationen unter sich begrub, die sich nicht dem neuen Sound anpassen konnten. Glücklicherweise konnten einige Bands diesen Schock überstehen und sich ins neue Jahrtausend retten. Dazu gehören auch Clawfinger, die noch vier Alben herausbringen sollten bevor sie 2013 ihren vorläufigen Abschied verkündeten, da man nie wirklich an alter Erfolge anschließen konnte und inzwischen die Familien und andere Interessen in der Vordergrund der Musiker gerückt sind. Trotzdem konnte man sie immer wieder live auf den Festivalbühnen Europas sehen und 2018 endlich auch auf regulären Bühnen. Darunter fand man glücklicherweise auch am 22.11. München, dessen Bewohner sich nicht zweimal bitten ließen und das Technikum restlos ausverkauften. Der Geist der 90er scheint zumindest noch in der bayerischen Landeshauptstadt mehr als lebendig zu sein.

Doch bevor die Schweden die Stage im Osten der Stadt entern konnten, ließen sie niemand geringeres als die Lokalmatadore um apRon als Support erscheinen, die eine eingeschworene Fangemeinschaft besitzen und mit ihrem mit Industrial- und Crossover-Klängen vermischten Rock samt deutschen Texten, auch die Anwesenden ohne Kenntnis über die Band schnell auf ihre Seite zogen. Das schafften sie souverän nicht nur durch die eingängigen Tracks, die wahlweise zum bangen oder tanzen einladen, sondern durch eine energiegeladene Präsenz auf und abseits(!) der Bühne. So animierte allen voran der Drummer Andi „Medusa“ Kuhn schon vor dem Einmarsch auf der Bühne, die Clawfinger-Fans mit Konfetti und Spielchen näher heranzukommen. Hier geben sich Theatralik und ausgeklügelter Sound wahrlich die Klinke in die Hand. Bei der Show selbst, bekamen die Anwesenden ausschließlich Tracks von den letzten zwei Alben „Der Punch“ und „Auf dem Ponyhof“ zu hören, was dem Umstand geschuldet ist, dass die LP und EPs zuvor noch auf Englisch, mit anderem Sänger und vor allem anderen Sound versehen waren. So lässt sich jedoch eine runde Show zaubern, die den aktuellen Stand des Songwritings und die Aussicht auf zukünftige Releases erahnen lässt. In jedem Fall konnten apRon damit nicht nur die Fans des Mainacts aufwärmen, sondern mit Sicherheit einige neue Hörer für sich selbst gewinnen.

Als Clawfinger dann um Punkt 21 Uhr die Bühne betraten, schien es, als wäre man in einer Zeitmaschine gut 20 Jahre in die Vergangenheit geschickt worden. So gut wie keine Smartphones (mit wenigen obligatorischen Ausnahmen), die über die Köpfe gereckt wurden, kein peinlich leises Abtasten, sondern die sofortige Freisetzung von Ekstase, als die Klänge zum kontroversen Track „Nigger“ in die Menge schossen. Da ist es nicht verwunderlich, wenn man die Mannen um Zak Tell um die Wette strahlen sehen konnte. Nach einer gefühlt ewigen Abwesenheit mit so einer Freude empfangen zu werden, ist heutzutage alles andere als selbstverständlich. Genau aus diesem Umstand zog die Band nun ihre Energie, die sich über ein sage und schreibe 21 Songs starkes Set ziehen sollte, dass wirklich jeden relevanten Track ihrer Karriere beinhaltete. Von denen gab es vor allem zu den Anfangsjahren mehr als genug und daher auch keine Lückenfüller, sondern eine Sound-Salve nach der anderen. Darunter „The Truth“, „Warfair“, „Two Sides“ oder „Biggest & The Best“. Schon nach dem letztgenannten Track stand Clawfinger für gut 90 Minuten auf der Bühne, um dann unter ohrenbetäubenden „Zugabe!“-Rufen für „Recipe for Hate“, „The Price We Pay“ und dem obligatorischen „Do What I Say“ zurückzukommen und die Hütte vollkommen abzureißen.

Nach so einem Abend weiß man selbst nicht so genau, warum die Band in der Versenkung verschwunden ist. Die Fans sind da, die Songs von durchgehend guter Qualität und die Energie in den Knochen, wie vor 25 Jahren. Schade, dass die Präferenzen der Musiker sich im Laufe der Zeit geändert haben, aber nach dieser Konzert-Erfahrung würde es den ein oder anderen Fan nicht wundern, irgendwann einen Nachfolger zum „Life Will Kill You“-Album von 2007 in den Regalen stehen zu sehen. Dabei kann man davon ausgehen, dass die Hallen auch bei einer Rückkehr ohne neues Material wieder voll sein werden.

Igor Barkan

 

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