Filmkritik: X-Men Dark Phoenix

Die Fans mussten sich drei Jahre lang gedulden, bis der siebte Hauptfilm der X-Men Reihe „Dark Phoenix“ und damit der Nachfolger des eher mauen „X-Men: Apocalypse“ in die Kinos kommt und nun stellt sich die Frage, ob das Regiedebüt von Simon Kinberg mit „Game of Thrones“-Star Sophie Turner in der Hauptrolle überzeugt oder das nun seit fast 20 Jahren laufende Franchise endgültig zu Grabe getragen wird.

© 2019 Twentieth Century Fox

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Wie Fans wissen, wurden die Ereignisse aus „X-Men: Der letzte Widerstand“ durch „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ für nichtig erklärt. Daher bot sich den Machern die Möglichkeit erneut den Stoff der Comicvorlage „The Dark Phoenix Saga“ von Chris Claremont und John Byrne anzugehen. Dieser fungiert zwar erneut nur als lose Basis, jedoch werden deutlich mehr Elemente aus dem Comic übernommen als zuvor.

Es beginnt alles damit, dass die X-Men, unter der Leitung von Charles Xavier (James McAvoy) von der US-Regierung zu einem Rettungseinsatz im All gerufen werden. Dort befindet sich ein mit mehreren Astronauten besetztes Shuttle in Gefahr, da eine scheinbare Sonneneruption die technischen Gerätschaften außer Kraft gesetzt. Um die gefangene Mannschaft zu retten, nutzen Cyclops (Tye Sheridan), Storm (Alexandra Shipp), Nightcrawler (Kodi Smith-McPhee), Quicksilver (Evan Peters) und Jean Grey (Sophie Turner) ihre Kräfte um die Situation unter Kontrolle zu bringen, während Raven (Jennifer Lawrence) und Beast (Nicholas Hoult) das Kommando übernehmen. Jedoch kommt es zu Komplikationen und Jean bleibt bei einem letzten Rettungsversuch alleine vor der gigantischen Energiequelle, die offensichtlich doch nicht viel mit der Sonne zu tun hat, zurück. Um ihre Freunde zu retten, absorbiert sie die mysteriöse Kraft und überlebt die Situation. Doch zurück auf der Erde bemerkt sie schon schnell Veränderungen. Ihre Kräfte scheinen ins unermessliche zu wachsen, während sie immer mehr die Kontrolle über sich selbst verliert und schlussendlich, ausgelöst durch wiederkehrende traumatische Erinnerungen aus ihrer Kindheit, zum titelgebenden „Dark Phoenix“ wird.
Nun bleibt den verbliebenen X-Men und sogar den Aussätzigen Mutanten um Magneto (Michael Fassbender) nichts anderes mehr übrig, als sich gegen ihre einstige Freundin zusammenzuschließen, um sie erneut unter Kontrolle zu bringen oder endgültig aufzuhalten. Zu allem Überfluss kommt noch ein intergalaktischer Feind in Form der Shi’ar, angeführt durch Vuk (Jessica Chastain) hinzu, die angelockt durch die immense Macht von Jean auf die Erde gelangt sind und die Situation dadurch vollkommen zu eskalieren droht…

© 2019 Twentieth Century Fox

Hierbei besinnt sich der Film im ersten Drittel auf die alten Stärken der Reihe, die im Gegensatz zu vielen anderen Veröffentlichungen aus dem Marvel-Universum primär zwischenmenschliche und sozialkritische Themen besetzen. So kommen erneut Dinge wie Ausgrenzung, unterdrückte Gefühle und der Umgang der Gesellschaft mit Randgruppen zur Sprache, die der Natur der Comicverfilmung nach natürlich nicht explizit, aber eindeutig genug zu erkennen sind. Leider fängt dem Film spätestens nach dem Auftritt der Aliens, die recht plötzlich und mit wenigen Erklärungen auftauchen, an die Luft auszugehen. Denn nun rücken menschliche Aspekte so gut wie komplett in den Hintergrund und machen Platz für Schlachtszenen, die wir zwar schon aus vergangenen Releases kennen, hier jedoch mehr als sonst aufs reine Spektakel reduziert werden. Die Figuren dreschen hierbei fast wie lebendig gewordenes Action-Spielzeug aufeinander ein, indem sie ihre Kräfte möglichst spektakulär zum Einsatz bringen. Generell wäre das bei einem solchen Film nicht negativ anzumerken, wenn jedoch die Emotionen dadurch auf ein Minimum reduziert werden, wird es der X-Men-Reihe nicht wirklich gerecht.

Dabei soll nicht der Eindruck entstehen, dass man einen blassen Streifen zu Gesicht bekommt, denn das Schauspiel-Ensemble schafft es auch in kurzer Zeit ihren Figuren eine Seele einzuhauchen und ein authentisches Gefühl zu vermitteln, dass man zum Beispiel im letzten Film der Reihe so gut wie durchgehend vermisst hat. Es beschleicht einen nur der Eindruck, dass das zu Beginn aufgebaute Potential hätte besser genutzt werden können, um dem Franchise einen würdigen Abschluss zu verleihen.
Nichtsdestotrotz ist „X-Men: Dark Phoenix“ ein extrem unterhaltsamer Film, der zwar nicht zu Speerspitze des Marvel-Outputs gehört, aber für sich eine nette Abendunterhaltung bietet, bei der man einen Kino-Besuch definitiv nicht bereut.
Igor Barkan