Grizzly im Interview: „Wir stehen für mehr Positivität in der Musik!“

Gemütlich fläzen alle sechs Mitglieder von Grizzly auf der schwarzen Couch in dem kleinen Bandbereich des Backstage. Von Aufregung ist noch rein gar nichts zu spüren. Dass sie heute Abend eine ihrer größten Headlinershows spielen werden, merkt man ihnen nicht an. Es wirkt eher wie ein gemütlicher Abend unter Kumpels. Zwischen Konzert, Kässpatzen und Bier bleibt aber dennoch genug Zeit, ein wenig mehr über die aufstrebende Band aus Karlsruhe zu erfahren und mit ihnen über Album, Konzerte und Festivals zu sprechen.
Mit einer 80 Stunden Arbeitswoche zu „Polaroids“
Mitte 2014 hat sich die sechsköpfige Band aus Karlsruhe gegründet. Den Namen Grizzly haben sie sich nicht umsonst gegeben, es wird sehr schnell deutlich: Hier sitzt eine verschworene Gemeinschaft, die mehr als nur Kumpels sind, die zufällig das gleiche Hobby haben: Gute Musik machen. Es steckt viel Herzblut in ihrer Band, Freizeit haben die sechs so gut wie gar keine mehr. Neben Vollzeitjob und Band kommen Grizzly auf eine stabile 80 Stunden Woche für jedes Mitglied. Der Jahresurlaub geht für die Touren drauf, da muss alles minutiös geplant und abgestimmt werden, erklärt Kevin. „Aber macht ja Spaß, da verzichtet man schon mal auf Strandurlaub oder Netflixabend!“, lacht er. Dass es aber nicht nur Spaß ist, merkt man schnell. Hier und da wird kurz erwähnt, dass eben diese Doppelbelastung durchaus strapazierend und verdammt hart ist. Gerade im Arbeitsprozess zum neu erschienen Album Polaroids hat sich immer wieder gezeigt, wie anstrengend es wirklich werden kann . „Jeder von uns kam einmal an den Punkt, an dem er gesagt hat, es geht nicht mehr. Das war das volle Programm mit Schlafstörungen und allem“, erzählt Kevin von der Arbeitsphase am neuen Album. Während dieser Zeit kam ihnen aber immer wieder zu Gute, dass Grizzly ein eingeschworener Haufen ist. „Wenn einer nicht mehr konnte, dann hat man ihm eben unter die Arme gegriffen und selber mehr gearbeitet“ , blickt Zig auf diese Zeit zurück. Dieser Prozess hat die Band noch enger zusammengeschweißt.
Ohne Label, Booking und Management geht es nicht
Was der Band zudem ungemein hilft, ist ihr Management, das werden Grizzly nicht müde zu betonen. Sowohl die Unterstützung in alltäglichen Aufgaben, als auch als sprichwörtlicher Rettungsanker, wenn sie einmal nicht wissen, wo ihnen der Kopf vor lauter Arbeit und Organisationskram steht. „Ohne Label, Booking und Management würde es inzwischen gar nicht mehr gehen. Da spürt man einfach, dass es inzwischen etwas anzieht“, erklärt Kevin. „Man merkt aber auch, dass sich das Konzept aus: Album aufnehmen, Tour mit Emil Bulls als Vorband und dann die eigene Tour anschließen, ausgezahlt hat. Sonst würden wir heute Abend vor fünf Leuten spielen, so sind es jetzt ein paar mehr.“ Den Status Quo haben sie sich auch hart erarbeitet und redlich verdient. Ein bisschen ehrlicher Stolz auf das Erreichte schwingt dabei schon mit, das merkt man ihnen an.
„Da ist ein bisschen mehr Punkrock drin“
Gerade dieser Rückhalt zeigt sich dann auch beim Arbeitsprozess am neuen Album Polaroids. Dennoch: Grizzly bleiben sich ihrem DIY-Ansatz so treu sie nur können. Zwar batiken sie ihren Merch nicht mehr selbst in der eigenen Badewanne, wie sie es noch zu Anfangszeiten der Band gemacht haben, das ist inzwischen aus Strukturgründen und aufgrund der doch deutlich angestiegenen Nachfrage an Merch-Artikeln nicht mehr möglich. „Diese Batikerei war auch echt eine Sauerei und sauviel Arbeit“, resümiert Dome die vergangenen Aktionen. Genau diesen Spirit versuchen sich Grizzly immer noch beizubehalten. Jetzt gibt es zwar keine selbst gebackenen Muffins oder mit Liebe belegte Lachsbrötchen mehr auf dem Konzert, dafür findet man sie nach dem Gig mit Sicherheit am Merch-Stand. Diese Nähe zu ihren Fans möchten sie sich auch weiterhin beibehalten. Aber ihre Finger haben sie dennoch überall im Spiel und das ist ihnen auch wichtig.
So kümmert sich Sänger Zig beispielsweise komplett um den visuellen Auftritt der Band. Sein Plan ist es, für Grizzly ein möglichst einzigartiges Design zu erstellen, das es so noch nicht auf dem Markt gibt. So kamen Grizzly im Übrigen auch zur gelben Farbe auf ihrem Albumcover, frei nach dem von Zig ausgegebenen Motto „Es muss knallen und soll nicht typisch für die Szene sein“, da legt er Wert drauf. Dennoch ist ihm gerade ein elegantes Erscheinungsbild wichtig, wie beispielsweise bei der Deluxebox. „Die kann sich auch ein seriöser Banker ins Regal stellen. Aber wenn man sie dann aufmacht, ist ein bisschen mehr Punkrock drin“.
Grizzlymusik im Entstehungsprozess
So innovativ wie sie an ihr Artwork für Polaroids herangegangen sind, waren sie auch beim Schreibprozess. In irgendeine Stilrichtung pressen lassen möchten sich Grizzly gar nicht. Das liegt vor allem daran, dass jedes Mitglied in einem anderen Musikgenre sozialisiert ist. In der Band kommen verschiedenste Geschmäcker und Vorstellungen zusammen. Dieses „Potpourri was jeder zuhause hört“, wie Zig es ausdrückt, wird schlussendlich zur Grizzlymusik. Es hat sich inzwischen aber herauskristallisiert, was für die Band live besonders gut funktioniert, gerade deshalb ist Polaroids im Vergleich zu seinen Vorgängern auch deutlich melodischer geworden.
„Ein Polaroid wird für die speziellen Momente aufgehoben“
Ein Grizzlysong wird von der Pieke auf gemeinsam geschrieben. Sobald die Musik steht, geht es an den Text, der fiktive aber auch autobiographische Elemente enthalten kann. „Was von beidem es ist, das verrate ich aber nicht“, grinst Kevin. Für ihr neues Album gibt es aber ein übergeordnetes Konzept: Jeder Song sollte eine Momentaufnahme aus dem Leben zeigen. „Bei Polaroid Bildern hat man das früher noch gehabt. Manche sind schön, manche weniger, aber das, was herauskam, war das Ergebnis. Heute ist das anders. Man nimmt sein Handy, macht 50 mal das gleiche Bild und sucht sich das Schönste aus. Ein Polaroid hat man sich dagegen für die speziellen Momente aufgehoben“, erklärt Kevin die textliche Herangehensweise an ihr neuestes Album.
„Wenn die Leute deine Lieder mitsingen, das ist unfassbar“
Betrachtet man beispielsweise „Dirty Dudes“, so ist es eben nicht nur der Partysong, nach welchem er auf den ersten Hörer klingt, sondern steht für die Arbeiterklasse (Dirty Dudes ist ein Slang Ausdruck dafür, Anm. d. Red.) mit dreckigen Klamotten, die am Rande der Gesellschaft stehen. Also ein Lied für die „Leute auf die gerne geschissen wird, die aber immer weitermachen und sehr gut feiern können. Ein Lied also für die freakigen Typen wie ich, die nicht immer akzeptiert wurden“, erklärt Zig, der den Text geschrieben hat. Grizzly legen grundsätzlich sehr viel wert auf ihre Texte. Gerne nutzen sie den poppunkigen Sound ihrer Musik und setzen diesem gezielt tiefe Lyrics entgegen. So beschreiben sie in „Day and Night“ eine Person, die stark mit sich zu kämpfen hat, sich nach außen hin aber immer positiv präsentiert und erfolgreich wirkt. „Man denkt nur, dass man eine Person kennt. Man sieht aber nie durch die Maske hindurch und bekommt nur zu Gesicht, was das Gegenüber einem zeigen möchte“, erläutert Kevin seine Gedanken zu dem Text. Umso schöner ist es aber, wenn ihre Texte und Songs wirklich honoriert werden. „Es ist das beste Gefühl, wenn jemand zu dir kommt und sagt, dass ihm der Song über eine schwere Zeit hinweg geholfen hat“, merkt der Sänger an. „Man kann nicht beschreiben, wie es sich anfühlt, ein solches Feedback zu bekommen, auch wenn die Leute deine Lieder mitsingen, das ist unfassbar.“
Gerade für Kevin ist es beispielsweise wichtig, sich zuerst ein Thema zu überlegen. Wann aber Shouts, Cleangesang oder Rapparts folgen, da gibt es für Grizzly kein festgelegtes Konzept. Grizzly spielen mit ihren eigenen musikalischen Werkzeugen und agieren völlig intuitiv, je nachdem, was der Song gerade benötigt. „Natürlich hat man aber im Hinterkopf, dass die Songs auch live gespielt werden. Ein ¾ Takt auf 80 Beats per Minute auf der Bühne… da könnte man maximal schunkeln.“
Konzerte als Belohnung
Wie wichtig ihnen das Livespielen ist, merkt man, an der Begeisterung, mit der Grizzly über die vergangenen Konzerte sprechen. „Was derzeit live passiert, ist unglaublich. Auch mit Emil Bulls vor tausenden von Leuten zu spielen, war ein unfassbares Gefühl“, schwärmt Kevin. Eine Headlinertour zu spielen sei aber noch einmal etwas ganz anderes. Zu wissen, dass die Leute nur wegen einem und der eigenen Musik hier sind, macht diese besonders. Genau diese Momente sind es, die einen auch die Strapazen des Albumprozesses vergessen lassen. Konzerte sind für Grizzly die optimale Belohnung für all die investierte harte Arbeit und all die schlaflosen Nächte. „Man spielt das Konzert und freut sich, feiert hinterher und macht diesen positiven Fuck-up“, fasst Zig die Tour in einem Satz zusammen. Das passe alles sehr zum Album und seiner Entstehung, die in gewissen Punkten ein eher negativer Fuck-up war. Gerade dadurch, dass so viel Arbeit investiert wurde und jeder wenigstens einen Tiefpunkt durchleiden musste, kann jetzt umso mehr genossen werden.
„Wir sind eine Familie und das ist das Wichtige dabei“
Dabei ist der Tour Alltag nicht weniger anstrengend, denn neben Konzert und Party steht auch einiges an Arbeit rund um eine Tour an. Grizzly sind in einem Sprinter unterwegs, ohne große Crew, heißt für sie: Selber fahren, selber Equipment schleppen, aufbauen und Soundcheck machen. Das geht in die Knochen und ist verdammt anstrengend. Zig hat dank Schrittzähler die Rechnung eröffnet: An einem normalen Tour Tag legt er zu Fuß an die 15 Kilometer zurück, da tun ihm nach dem Tag die Beine ordentlich weh. „Da ist es besonders wichtig, dass jeder am Tag seine Ruhephasen bekommt. Gerade, weil die Nächte oft eher kurz sind und man in fremden betten nicht so gut schläft“, fügt Dome an. Die Zeit auf der Bühne ist für sie aber der größte Lohn. „Für uns ist es einfach nur wichtig, dass die Leute ein Grinsen im Gesicht haben, wenn sie zu unseren Konzerten kommen. Dann macht es uns auch Spaß.“ So einfach lässt sich das Livekonzept hinter Grizzly zusammenfassen und es funktioniert. Diese Band zaubert einem http://sharkmagazin.de/grizzly-heavy-pop-punk-im-backstage/ ein sehr breites Grinsen ins Gesicht. Wenn sie etwas gar nicht leiden können, dann engstirniges Szene-Schubladendenken und Ausgrenzung. „Wir wollen die Zeiten zurück, in denen man auf die Shows gegangen ist, ein bisschen gepogt hat und mit den Leuten seinen Spaß hatte. Wo der Punk mit dem Metalhead noch ein Bier getrunken hat. Das sind die Zeiten, in denen wir groß geworden sind und das ist das, was wir für unsere Konzerte möchten.“ Auf einer Grizzlyshow ist jeder willkommen, der Bock auf ihre Musik hat, auf ihren Konzerten soll gefeiert werden. „Wir sind eine Familie und das ist das Wichtige dabei.“
Grizzly sind Festivalenthusiasten. Vor und auf der Bühne
Nach der Tour steht für die designierten Festivalliebhaber auch die Sommersaison an. „Wir sind immer noch auf den Campingplätzen zu finden, manchmal machen wir auch unser eigenes Camp auf, hissen unsere Fahne und los geht’s. Sommer, Bier, das ist unser Ding!“ Es ist nicht zu übersehen: Kevin freut sich auf die wärmere Jahreszeit. „Auf die Festivalsaison freuen wir uns pervers! „Auf ihrer Konzertliste stehen bereits einige Festivals, weitere sind noch in Planung. Vom Musikalischen macht es für Grizzly übrigens keinen Unterschied, ob sie auf einer Festivalbühne stehen oder in einem kleinen Club. Showtechnisch geht auf einem Festival jedoch mehr. „Wir haben zum Beispiel schon mit Supersoakern in die Menge gespritzt“, erzählt Kevin. Dass das aber funktioniert, liegt laut ihm aber hauptsächlich daran, dass das Publikum sowieso auf Feiern aus ist. „Man kann die Leute viel schneller herauslocken. Die Distanz ist auf einem Festival nicht so gegeben. Wer vom Vortag noch betrunken ist, der feiert einfach mit“, berichtet Zig von seinen Erfahrungen auf den Festivalbühnen. Allgemein bietet sich für Grizzly eine riesige Chance, von noch mehr Leuten gehört zu werden, die einen sonst nicht auf dem Schirm gehabt hätten. Ein Fakt, der so auch nicht zu verachten sei und den gerade Grizzly aktiv nutzt. „Wir haben auf dem Gelände und Zeltplatz beispielsweise schon Postkarten mit ein paar provokanten Sprüchen drauf oder die Leute über das Festivalradio in unser Camp eingeladen und dann mit ihnen Bier getrunken“, berichtet Kevin von vergangenen Promoaktionen. Ernst nehmen sie sich dabei aber nicht, der Spaß steht hier im Vordergrund. Natürlich stehen Grizzly unter der Bühne, aber das hebe sie definitiv nicht von den anderen Besuchern ab. „Da stehe ich selbst auch in Unterhosen und mit Bier vor der Bühne und feiere“, erklärt Zig. „Wir stehen für mehr Positivität in der Musik!“
Gerade diese Offenheit und Herzlichkeit macht die Karlsruher Band so unglaublich sympathisch. Locker plauschen, das geht mit ihnen wunderbar. Mal hier begeistert über Erlebnisse von selbst besuchten Konzerten plaudern und sich für Podcasts begeistern: Grizzly leben das aus, wovon sie sprechen. Sie sind offen, positiv und genießen den Weg, den sie gehen in vollen Zügen. Dabei scheren sie sich einen Dreck um irgendwelche Konventionen und genau so soll es auch sein.
Carola Schulz

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