Handball WM 2019 in München – Ein Wintermärchen

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„Ab jetzt bist du Isländerin ehrenhalber“, grinst mich Hildur an und setzt mir einen Anglerhut in den Nationalfarben der kleinen Insel auf den Kopf und schon bin ich Teil des nordischen Handball-WM Hypes. Ganz freimütig plaudert die junge blonde Frau, dass sie erst am Morgen mit einem Sonderflug aus Reykjavik angekommen sei. Ein Flugzeug voll Handballfans und Familienangehörigen aus dem hohen Norden, ein riesiges Glück für die Veranstalter in München. Islands Sportfans haben einen Ruf: Sie sind verrückt, partywütig, bestens gelaunt und was das Wichtigste ist – immer fair.

Der erste Kracher Island vs. Kroatien

Schon vor dem ersten Spiel erkennt man, dass die Isländer sich bereits heimisch eingerichtet haben. In verrückten Kostümen (natürlich in blau-weiß-rot), Helmen und mit viel Farbe im Gesicht zaubern sie eine gewaltige WM Atmosphäre in die Münchener Olympiahalle. Da gibt es einen spontan inszenierten Viking-Clap oder man verbrüdert sich bei einem Bierchen der Einfachheit halber gleich mit dem späteren Gegner des Abends: Kroatien. Die kroatische Mannschaft findet an diesem Abend gefühlt eine Heimspielatmosphäre vor, gefühlt die halbe Halle ist in kroatischer Hand, damit bietet bereits der erste Spieltag der WM Vorrunde ein absolutes Highlight. Mehrere Weltklassespieler stehen sich an diesem Abend bereits gegenüber. Für Kroatien läuft unter anderem Welthandballer Domagoj Duvnjak vom deutschen Rekordmeister THW Kiel auf. Auf der anderen Seite steht ihm auf der Spielmacherposition ein ehemaliger Teamkollege gegenüber: Aron Pálmarsson ist inzwischen beim spanischen Primus FC Barcelona beschäftigt und mehrfacher Championsleague Sieger. Obwohl die beiden heute als Kontrahenten auf der Platte stehen, fällt die Begrüßung der beiden Mannschaftskapitäne beim Aufwärmen mehr als herzlich aus. Auch das ist Handball.

Einigkeit im Fanhimmel über München

So freundlich es beim Warmmachen noch zugeht, es wartet ein knallhartes Spiel auf die ausverkaufte Olympiahalle. Als klarer Favorit ins Rennen gestartet, tut sich die kroatische Mannschaft schwer gegen die aufopferungsvoll kämpfenden und durch einen gut aufgelegten Aron Pálmarsson angeführten Isländer. Der zeigt mit 12 Toren und glänzenden Anspielen, weshalb er einst schon in sehr jungen Jahren als Jahrhunderttalent von Ex- Trainer Alfred Gislasson an die Kieler Förde geholt wurde. Die im Vergleich international sehr unerfahrene isländische Team, deren jüngster Spieler gerade einmal 17 Jahre alt ist, schafft es über weite Strecken, die hochdekorierte Mannschaft aus Kroatien zu ärgern. Je enger das Spiel jedoch ist, desto mehr verwandelt sich die Olympiahalle in einen brodelnden Hexenkessel.  Die beiden Fangruppen zaubern eine mehr als weltmeisterliche Stimmung ins Rund, teilweise kann man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen, so laut schallen die Fangesänge durch die Halle. Fair bleibt es aber dennoch auf den Rängen und so wird nach einem von Kroatien gewonnenen Match bei den Fans Versöhnung gefeiert: „Ein tolles Spiel, sorry, dass wir so laut waren!“, grinst mich einer der kroatischen Fans an, die während des Spiels hinter mir saßen. Er umarmt mich herzlich und zupft die letzten Papierkonfetti, die bei jedem kroatischen Tor in meine Richtung geflogen waren von meinem isländischen Anglerhut. Eine feindselige Stimmung zwischen den beiden in der Olympiahalle dominierenden Fanlager war trotz des intensiven Spiels nie zu spüren. Nachdem die Spieler nach dem Match in Mitten der Fans auf der Tribüne  gefeiert oder eben wieder aufgebaut wurden, trafen sich die Fans am extra in der Olympiahalle aufgebauten Biergarten wieder, gesellte sich auf ein oder zwei Bier zusammen und begoss gemeinsam Sieg und Niederlage.

Losglück beschert München eine Traum-Vorrunde

Diese Stimmung straft alle Kritiker am Vorrundenstandort München Lüge. Die Stadt sei satt von Profisport, riefen die Stimmen vornehmlich aus dem Norden des Landes, welche aufgrund der geographischen Nähe zum WM Partner Dänemark abgesehen von den Halbfinals in Hamburg leer ausgingen. München präsentierte sich in der Handball-WM Woche von seiner glänzendsten Seite. Dazu gehörte natürlich auch eine gehörige Portion Losglück, das München eine besonders attraktive Vorrunde beschert. Neben Island und Kroatien spielen mit Spanien auch die Titelverteidiger ihre Vorrunde in der Hauptstadt und präsentieren über die Woche hinweg ein durchweg sicheres und vor allem routiniertes, wenngleich nicht immer zwingend schönes Spiel. Komplettiert wird die Vorrunde C durch Japan, Bahrein und Mazedonien, der Mannschaft rund um Handballurgestein Kiril Lazarov.

Handball-Standort München zeigt sich von der besten Seite

Der Bayerische Handballverband zauberte mit viel Liebe zum Detail eine mehr als angenehme Stimmung in die Halle, die nicht nur die mitgereisten Fans sondern auch die „neutralen“ Münchener Zuschauer begeistert. So gibt es in der Olympiahalle einen kleinen abgezäunten Biergarten, der während der Woche vor allem die Heimat der isländischen Fans wird. Die liegen sich dort in den Armen und schmettern mit „Ég er kominn heim“ inbrünstig die geheime Nationalhymne des Landes. Der Biergarten DJ ist auf die Fans aus dem Norden top vorbereitet und so macht das allen beteiligten riesigen Spaß. Hier treffe ich übrigens Hildur wieder. Ihr Make-up ist nach dem spiel verwischt, die Frisur zerzaust. Begeistert zieht sie mich mit in das singende Knäuel aus isländischen  Fans und selig stimme auch ich als „Isländerin ehrenhalber“ mit ein. Wer nicht textsicher ist, der schaut sich das Spektakel von außen an.

Für die kleinen Handballfans und vielleicht angehenden Nationalspieler der Zukunft gibt es einen bunten Handball- und Geschicklichkeitsparcours. Da kann hier das Torwartspiel trainiert werden oder auf Balancebällen das Gleichgewicht getestet werden. Ganz verwegene Zuschauer wagen sich auch an Rollstuhl-Handball. Wenn auf der Handballplatte nicht gerade gespielt wird, sorgt eine Wiesn- Kapelle für Stimmung im Rund.  Kurzum: Es herrscht mehr als ausgelassene Stimmung. Etwas, das insbesondere den Münchener WM Botschafter Dominik Klein begeistert. Bereits weit im Vorfeld hat der inzwischen wieder im Kreis München wohnhafte Weltmeister von 2007 die Werbetrommel gerührt und fest an den Handballstandort München geglaubt. Dieser unermüdliche Einsatz zahlt sich aus, der Hype ist so groß wie seit 2007 nicht mehr. Wer weiß, vielleicht gelingt sogar der Deutschen Nationalmannschaft ein weiterer Coup bei einer Heim-WM. Die Zeichen stehen auf Wintermärchen 2.0.

Carola Schulz