Hauptsache schön, die Scheiße!“ – Bilderbuch in München

Bilderbuch. Garant für absurde Auftritte und einen ungewöhnlichen Sound. Sollte eigentlich ein guter Abend werden. Die Musik ist entspannt bis tanzbar, es stimmen also alle Voraussetzungen. Wäre da nicht das Münchener Publikum, das der ganzen Aktion einen ordentlichen Strich durch die Rechnung macht

Wer die Band seit Anfangstagen verfolgt, der weiß: Der Hype um die Wiener ist von Beginn an riesig. Mit ihrer ausgefallenen Ästhetik haben sie das Pop- Business auf den Kopf gestellt. Jeder wollte so aussehen wie, so sein wie und vor allem: So klingen wie. Die Band um Maurice Ernst hat ihre eigene Nische aufgemacht und ihre Grenzen sukzessive ausgedehnt und sind damit zu den mehr oder weniger geheimen Stilikonen einer ganzen hipsterigen Musikhörergeneration geworden. Wer Bilderbuch kennt, der weiß: Ästhetik und Musik gehen hier Hand in Hand.  Das spiegelt sich auch in ihrem Liveauftritt wider.

Bühnenbild als Kunstprojekt

Schaut man auf die Bühne wird man förmlich von Eindrücken erschlagen, entworfen wurde diese im Übrigen von zwei Münchener Stagedesignern, wie Maurice Ernst auf der Bühne erzählt. Das Ganze sieht auf den ersten Blick aus wie ein wildgewordener Fiebertraum. Hier ein überdimensionaler Wasserhahn, dort ein Planet. Tibetanische Gebetsfahnen sind quer durch das Zenith gespannt, selbst an den Seitenwänden der Bühne hängen bemalte Banner.  Es ist ein kunterbuntes Sammelsurium, das aber Sinn macht und klare Bezüge zur Band hat. Propagierten sie zur Promo ihres neuesten Albums „Vernissage my Heart“  mit ihrer „Erstelle deinen EU Ausweis“ ein geeintes Europa, so lassen sich auch im Bühnenbild Rückbezüge darauf finden. Eine stilisierte Europafahne bildet das Backdrop, mehrere Globi verteilen sich auf der Stage. Wer weit interpretieren möchte, der findet selbst zu den Gebetsfahnen eine passende Erklärung (im Sinne der Grenzproblematik Tibet/China) und selbst der überdimensionierte Wasserhahn kann als eine entsprechende Metapher gesehen werden: Wasser erkennt nämlich keine Grenzen an und ist entsprechend unaufhaltsam. Dass der durch Lichterketten stilisierte Wasserhahn dann auch noch in regenbogenfarben leuchtet, rundet das Gesamtbild nur ab. Kurzum: Bilderbuch verpacken einen Haufen Aussage in ihr Bühnenbild, wenn man sie denn sehen möchte. Etwas, das man grundlegend für Bilderbuch als musikalisches Kunstprojekt geltend machen kann. Möchte man sich aber nicht näher beschäftigen, so ist es einfach nur nett anzusehen und anzuhören und man kann sich über Herzchen-Konfetti freuen.

Münchener Publikum schwer zu überzeugen

Leider manifestierte sich dies auch ein bisschen im Münchener Publikum. So richtig konnten die das, was auf der Bühne passierte nicht wertschätzen. Die teils sehr kunstigen und mitunter sperrigen Songs der letzten beiden Alben konnten die Münchener nicht überzeugen. „Das hätten sie sich sparen können, dieses Geklimper“, hörte man im Anschluss nicht nur einmal, sphärischer Contemporary Pop kommt eben nicht gut an. Songs wie „Frisbee“ oder „Mein Herz bricht“ Schade, denn genau das rundete den Abend in seinem ästhetischen Gesamtkonzept ab. Das Publikum taute leider nur zu sehr wenigen Liedern wirklich auf, zeigte sich dann aber tanz- und singbegeistert („Maschin“ oder „Bungalow“). Kontaktversuche durch den Sänger wiegelten die Münchner völlig ab. Auf Geschichten aus dem Leben des Maurice Ernst, der sichtlich bemüht war, einen Draht zu seinen Zuschauern zu finden, wurde gar nicht reagiert. So steckte das Publikum im nicht ganz ausverkauften Zenith in seinem hipsterigen Nonkonformismus fest, zu cool, um den Abend tatsächlich entspannt

genießen zu können. Und irgendwie hatte Maurice Ernst dann doch recht: „Hauptsache schön, die Scheiße.“ Solange die Instastory steht, das Outfit der Hipsteruniform entspricht, ist doch alles erreicht. Dass damit aber ein musikalisch hochwertiges und popkulturell anspruchsvolles Konzert schlicht kaum Beachtung fand. Sei’s drum. Schade ist‘s. Bilderbuch bleiben cool.

Carola Schulz

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