Interview mit Vizediktator

Kürzlich ist euer neues Album „Kinder der Revolution“ erschienen. Erzählt doch mal, wieerging es euch im Arbeitsprozess? Wie seid ihr an die Platte herangegangen? Gibt es Bezüge aus Kunst, Musik oder Literatur von denen ihr euch habt inspirieren lassen?

Vizediktator: Wir haben bei „Kinder der Revolution“ sehr eng mit unserem Produzenten dem SeeedGitarristen Rüdiger „Rübi“ Kusserow zusammengearbeitet. Es war eine sehr intensive Zeit und das erste Mal,dass wir an Songs direkt im Studio gearbeitet haben. Bei den vorangegangenen Aufnahmen, haben wir immer alles in ein paar Tagen aufgenommen und die Songs standen schon vorher. Diesmal ist alles offener gewesen. Durch unser Umfeld bewegen wir uns viel in der Kunst- und Musikszene und saugen da sicherlich viele Eindrücke auf, die sich dann auch in den Texten wiederspiegeln.

 

Ihr seid bald auf einer langen Tour quer durch Deutschland, was erwartet ihr von den kommenden Clubgigs?

Vizediktator: Euch erwartet natürlich eine exzessive Show. Geballte Ehrlichkeit ohne Schnörkel und alberne Rockstar-Allüren. Wir wollen ein Fest vor und auf der Bühne feiern und alle sollen ihren Spaß haben.

 

Lasst unsere Leser doch bitte ein bisschen hinter die Kulissen blicken: Wie sieht für euch ein ganz normaler Tag auf Tour aus?

Vizediktator: Immer zu früh aufstehen natürlich, nach ein paar Stunden Schlaf. Meistens kommt ja auch keiner von uns vor ein Uhr ins Bett und dann müssen wir morgens nach einem kurzen Frühstück schon wieder schnell, schnell auf die Straße. Die Distanzen sind inzwischen doch sehr groß geworden und wir haben dann viel Zeit im Auto zu vertreiben. Wir hören viel Musik und die, die nicht fahren, holen auch mal ein bisschen Schlaf nach. In der Venue angekommen bauen wir schnell unsern Kram auf und erfrischen uns dabei manchmal sogar mit einem kleinen Getränk. Dann warten, essen, warten und ab auf die Bühne. Danach kurz durchatmen und wieder alles einpacken und erschöpft umfallen. Und weiter geht der Tanz mit demMurmeltier…

 

Lasst uns doch noch einmal auf den Albumtitel zurückkommen. Beim Hören fiel mir auf: Ihr geht ganz schön kritisch mit der Gesellschaft um. An welchen Punkten wäre denn für euch in der heutigen Zeit eine Revolution nötig?

Vizediktator: Revolution ist schon ein großes Wort, das sich schnell missbrauchen lässt. Allerdings sehen wir erheblich Handlungsbedarf dort, wo Menschen und Ideologie aufeinandertreffen. Es scheint, dass sich das politische und gesellschaftliche Klima auf der einen Seite irgendwie egalisiert und auf der Anderen zuspitzt. Es gibt so viele Umstände die uns da verwirren und oft fassungslos machen. Was geht in den Städten ab? Da haben Menschen keine Wohnung und einige wenige mit zu viel Geld können trotzdem weiter ihren profitorientierten Geschäften nachgehen. Und ey! es gibt eine Partei im Bundestag, die mit ihren rechten Auswüchsen auch noch meint die Sprache eines Volkes zu sprechen. Ach, da ist soviel, was bitter aufstößt. Dadurch verlieren wir manchmal wohl den Blick für Revolutionen, die schon lange im Hintergrund arbeiten. Positive, wie negative.

 

Inwieweit und an welchen Punkten kann man als Musiker mit sozialkritischer Musik denn etwas bewirken? Darf man als Musiker seinen Finger auf Wunden legen oder ist es am Ende sogar Pflicht, seinen Mund aufzumachen?

Vizediktator: Um es ganz klar zu sagen: Kunst ist immer politisch! Kunst bietet ein erhebliches Maß an Freiheit und stellt somit einen absolut fruchtbaren Boden für schlaue und neue Denkmuster dar. Wir werden uns nicht den Mund verbieten lassen und es ist wichtig, dass mehr Künstler*innen nachrücken und sich positionieren. Für stellt die Kunst eine wichtige Instanz dar, welche die Kraft hat Kritik zu artikulieren und Veränderungen zu provozieren.

 

Zu guter Letzt: Wir haben ein Format, das sich „The Story behind“ nennt. Die Aufgabe istfolgende: Wir geben euch einen eurer Songs, ihr erklärt uns, was dahinter steckt. Auf wen ihr euch bezogen habt, warum der Text wurde, wie er wurde, wie ihr daran gearbeitet habt. Losgeht’s:

Was steckt hinter/ in „Schall und Rauch“?

Vizediktator: Der Morgen nach der Party ist der Morgen vor der Party. Ein Song über unsere verstrahlte Generation die zwischen Hedonismus, Rave und Selbstzweifeln durch zerbrochene politischen Ideale und Träume taumelt und dabei oft nicht einfach zu verorten ist. Was brauchen wir und was tun wir stattdessen. Wo wollen wir hin und warum werden wir trotzdem irgendwie komisch mit der Zeit und suchen unsere Erleuchtung in der Selbstzerstörung.

Carola Schulz