Jack White im rappelvollem Münchner Zenith

Die „älteren“ unter uns werden sich sicher noch mit Wehmut im Herzen an Konzerte erinnern, bei denen die Menge mit ihrer gesamten Konzentration zur Bühne blickte und sich das Erlebnis auf ewig ins Gedächtnis brennen ließ. Inzwischen scheint es einer ganzen Generation an Fans wichtiger zu sein, das Geschehen in erster Linie für Außenstehende aufzuzeichnen und die Show, für die man gegebenenfalls viel Geld ausgegeben hat, von einem kleinen Bildschirm aus zu verfolgen.

 

Dabei scheint sich nicht nur der Autor dieser Zeilen, sondern auch der US-Musiker Jack White (ehemals Sänger bei The White Stripes) nach den alten Zeiten zu sehnen, bei denen das Konzert und das gemeinsame Erlebnis der Fans im Vordergrund standen. Da er jedoch in dieser Hinsicht mehr zu sagen hat als ich und auch finanziell die Möglichkeiten hat sich durchzusetzen, hat er kurzerhand die US-Firma Yondr beauftragt die Smartphones des Publikums vor dem Eintritt in die Halle in speziellen Taschen zu versiegeln, die nur vom Personal wieder geöffnet werden können.

 

Schon gleich bei den ersten Schritten im Münchner Zenith (einer der drei Stopps von White in Deutschland) fühlt man sich in selige Zeiten zurückversetzt. Die Menschen unterhalten sich, schauen sich interessiert um oder suchen auch mal das Gespräch mit Gleichgesinnten, die man erst vor Ort kennengelernt hat. Eine schöne Alternative zur Flucht in Social Media und Co..

 

Das ist aber auch der Grund dafür, dass selbstverständlich keine Videoaufnahmen von seinen aktuellen Shows existieren und sich die Fans entsprechend überraschen lassen können, wenn sie eines der begehrten Tickets für die ausverkaufte Show bekommen haben. Mal ganz davon abgesehen, dass eine durch die fehlende Handybeleuchtung dunklere Halle immens zur Atmosphäre und Konzentration auf das Dargebotene beiträgt.

 

Doch bevor der Hauptact überhaupt die Bühne betreten kann, müssen die Zuschauer erst durch einen Support aufgewärmt werden. Man kann davon ausgehen, dass Jack White persönlich seine Finger im Spiel hatte, als er die Berliner Gewalt als Tour-Unterstützung auswählte. Mit ihrem irgendwo zwischen Elektro, Noise, Punk, Industrial und Gothic-Rock angelegten Sound, sorgen sie für eine Atmosphäre die geradezu „Avantgarde“ zu schreien scheint, bei den primär auf Mainstream gebürsteten Anwesenden aber in erster Linie für verständnislose Blicke sorgt. Zwar muss das Trio mit Band-Chef Patrick Wagner am Gesang nicht auf Applaus verzichten, doch mehr als höfliche Zustimmung können sie an diesem Abend nicht ernten. Für jeden mit einem offenen Musikgeschmack, sollten sie aber positiv in Erinnerung geblieben sein, nachdem sie für genau 30 Minuten zu sehen waren.

 

Nach gut einer dreiviertel Stunde Umbau geht es dann aber auch schon pünktlich mit dem Mann los, für den die gut 6.000 Fans gekommen sind: Jack White. Dieser versorgt die Halle primär mit Tracks aus seinem aktuellsten Album „Boarding House Reach“ (2018), die mit Freude aufgenommen werden. Präsentiert werden sie nicht nur vom Sänger, sondern auch mit der Unterstützung einer vierköpfigen Band, die ihn an Drums, Bass, Keys und Synthesizern begleitet und damit den Raum auszufüllen weiß. Außergewöhnliche Gimmicks stellen dabei die drei Mikrofone von White dar, die mit unterschiedlichen Effekten belegt sind und daher in einem erfrischend schnellen Wechseln besungen werden können.

 

Dabei belässt er es jedoch nicht bei seinen Solo-Stücken, sondern baut auch Tracks seiner Nebenprojekte wie „I Cut Like a Buffalo“ von The Dead Weather oder „Steady as She Goes“ von The

Raconteurs ein. Selbstverständlich dürfen aber auch Songs der Band nicht fehlen, die ihm erst zu Weltruhm verholfen hat. Dementsprechend gab es auch ganze sieben Stücke von The White Stripes zu hören, die über „Cannon“, über „Hotel Yorba“, bis hin zum Gänsehaut-Finale mit „Seven Nation Army“ reichten.

 

Mit diesem Gemisch aus Blues, Rock und Country-Anleihen entlässt Jack White das Münchner Publikum dabei nicht nur zufrieden aus einem von vielen Konzerten, sondern aus einem Erlebnis, dass durch die „Digital-Detox-Kur“ des Handy-Verbots etwas vom wahren Zauber der Musik hinterlässt, den man sich auch bei zukünftigen Gigs und weiteren Bands wünschen würde.

Igor Barkan