Ministry rockte das Münchner Backstage Werk

Was waren die 90er nur für Zeiten für die Musikindustrie und insbesondere für Freunde düsterer Klänge und der dazu passenden Stimmungslage. Schon gleich zu Beginn des Jahrzehnts prügelten Bands wie Nirvana die Realität in die Gehörgänge einer ganzen Generation und unterstrichen diese mit ihrem privaten Lifestyle der Selbstzerstörung.

Dem folgte der Nu Metal, der aus der Autoaggression bekanntlich einen Gegenangriff formte und Leute wie mich durch das offen zur Schau getragene “anders und stolz darauf”-sein in den Bann zog.

Im Windschatten dieser Speerspitzen der Rock- und Metal-Musik wurde aber auch der den Exzess zelebrierende Industrial-Metal groß, der weniger gehypt, aber durch einzelne Acts ebenfalls in den Fame-Olymp vorstoßen konnte. Dazu gehören Bands wie Nine Inch Nails, Marilyn Manson, Rammstein oder eben Ministry, die sich in diesem Jahr unter anderem die Ehre auf deutschen Bühnen geben und dabei auch dem Münchner Backstage Werk einen Besuch abgestattet haben.

Dabei haben die Mannen um Al Jourgensen nicht nur Tracks vom neuen Album “Amerikkkant”, sondern auch eine ordentliche Portion Wut mit im Gepäck, die sich aus der politischen Entwicklung in ihrer Heimat USA speist. Schon zuvor waren Ministry dafür bekannt ihre Musik auch als Sprachrohr gegen bestimmte Politiker bzw. einen bestimmten Politikstil einzusetzen. Dabei scheint in ihren Augen schon seit Jahrzehnten das System am laufenden Band zu scheitern.

Anders wären Samples von George Bush Sr. zu Anfang der 90er oder spätere Tracks wie “No W” nicht zu erklären.

Doch davor wird dem zunächst in überschaubarer Anzahl gekommenem Publikum durch die finnische Post-Punk-Band Grave Pleasures eingeheizt. Es spricht für das Quintett, dass sie eine energiegeladene Show abziehen und dabei schöne Gothic-Vibes versprühen, obwohl die Resonanz durch die halb leere Halle recht bescheiden ausfällt. Erst im Verlauf ihres Sets gesellen sich mehr und mehr Leute hinzu, wobei die meisten nur Interesse am nachfolgenden Headliner zeigen. Mehr als höflichen Applaus darf man sich hierbei leider nicht abholen. Großen Respekt für ihre Professionalität haben sie sich trotzdem verdient.

Als die Bühne für Ministry aufgebaut wird, merkt man jedoch, dass das langsame Eintrudeln der Menge nichts über die finale Gesamtzahl der Fans aussagen muss. Schon eine halbe Stunde vor Beginn sieht man die Schweißtropfen durch die im Schnitt eher ältere Gesichter laufen. Mit meinen 28 Jahren gehöre ich trotz Kultstatus der Band, eher zu den jüngsten Besuchern.

Die vorhin schon erwähnte politische Message findet sich derweil auch auf visueller Ebene auf der Bühne wieder. Zwei gigantische Ballons in Form von frappierend an Donald Trump erinnernde Hühnchen, samt durchgestrichenen Hakenkreuz auf der Brust säumen die Bühnenränder, während in der Mitte schon der berühmte Mikroständer von “Uncle Al” in all seiner grusligen Pracht wartet.

Wie schon die Deko vorausnimmt, bietet auch das mit “I Know Words” passend betitelte Intro das dominierende Thema des Abends: ein Rundumschlag gegen Trump und seine Politik.

Kein Wunder also, dass mit “Twilight Zone” eine lyrische Breitseite vom neuen Album kommt, die direkt auf die Wahl im November 2016 Bezug nimmt. Wie um dem Ganzen Nachdruck zu verleihen, gleitet die Band danach sofort in “Victims Of A Clown” über, dessen Titel eventuell erahnen lässt, um wen es dabei eigentlich geht.

In diesem Stil geht es auch die nächsten 1,5 Stunden weiter, die fast schon als kritisches Theaterstück interpretiert werden könnten. Zumindest was Bühnenpräsenz, Gestikulation und Einspieler anbelangt, merkt man als Zuschauer schnell, dass das Band-Konzept nicht auf simplen Konsum ausgelegt ist, obwohl ihre bekannten Beats und schneidenden Riffs durchwegs tanzbar sind.

Dabei komm auch der letzte Verweigerer der Weltpolitik nicht um gewisse Erkenntnisse herum. Songs wie “Antifa”, samt Fahnen schwenkende “Aktivisten” setzen Noten, die nicht zu ignorieren sind.

Da aber auch Ministry um die Relevanz der eigenen Evergreens weiß, werden diese zwar ans Ende des Sets gestellt, dafür aber gleich geballt und mit ebenso großem Druck in die Menge gefeuert.

Dazu gehören selbstverständlich “N.W.O.”, “Thieves” (auch gern durch Limp Bizkit gecovert), “So What” oder “Psalm 69”. Dabei merkt man, aus welcher Generation das Publikum zum größten Teil stammt, wenn plötzlich auch graue Haarschöpfe durch den Pit kreisen.

Den Abschluss des schweißtreibenden Abends bietet die Band durch einen Song auf, der mich sofort in eine Zeit versetzt, in der ich diese Art von Musik erst kennen gelernt habe. “Bad Blood”, dass vor allem durch den “The Matrix”-Soundtrack Berühmtheit außerhalb der Szene erlangte, lässt mich wieder 11 werden und mit den Fingern über die gebrannte CD streichen, die meine Wahrnehmung von Musik verändern sollte.

Für die meisten Fans ist es jedoch einfach einer ihrer größten Nackenbrecher und Dancefloor-Hits, der den perfekten Ausklang des Gigs darstellt.

Wenn dieser Abend eins gelehrt hat, dann ist es, dass Bands wie Ministry nicht ohne Grund seit 30 Jahren die Bühnen dieser Welt unsicher machen und als Vorbilder für eine ganze Generation an Musikern stehen.

In diesem Sinne kann sich so manch neuer Act eine Scheibe abschneiden oder einfach mit auf die nächste Show kommen, denn dort werde ich definitiv anzutreffen sein!

Igor Barkan

 

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