Puls Openair – Ein Festival für alle

„Wer spielt denn heute? Ich kenne mal wieder keine Band!“, ein Satz, den man auf dem Puls OpenAir öfter hört, wenn man durch das lauschige und übersichtliche Gelände des OpenAirs streift. Es ist auch ein Satz, der einem Festivalfetischisten ein bisschen das Blut in den Andern gefrieren lässt. Wie kann man für ein Wochenende seine Campingsachen packen, ohne vorher den Timetable bis ins Minutiöseste seziert, zerlegt und durchgeplant zu haben? Beim Puls OpenAir funktioniert die naive Herangehensweise an ein Festival aber scheinbar recht gut. Das hat aber mehrere Gründe.

 

Zum einen liegt das Puls Openair extrem zentral in Kaltenberg. Wer nicht campen möchte, der kann auch ganz entspannt mit der Bahn oder der S-Bahn anreisen. Von München aus benötigt man eine gute halbe Stunde, das reicht für knapp zwei Wegbier, wenn man flott trinkt. Wegegetränktechnisch also absolut perfekt. Mit etwas Glück wartet am Bahnhof dann auch schon der Shuttlebus, der einen bis zum Festivalgelände fährt. Ansonsten muss man schon einmal eine halbe Stunde Wartezeit in Kauf nehmen, bis man einen Busplatz bekommt. Das ist zwar ärgerlich, aber was will man machen, einen Nachteil muss das gemütliche Bett am Abend ja haben.

 

Es muss nicht immer Musik sein

 

Dafür ist das Festival aber sehr gut organisiert. Lange Schlangen am Einlass? Fehlanzeige. Stattdessen gibt es ein hübsch aufgemotztes Gelände der Kaltenberger Ritterspiele. Ja. Wohin man blickt ist Mittelalter. Mit ein bisschen Hipsterflair. Am Eingang hängen weiße Stoffbahnen, abends leuchten diese ganz wunderschön. Eine Chillout Area gibt es samt gemütlichen Bänken und hübscher Beleuchtung, wenn man sich doch etwas vom Trubel zurückziehen möchte. Übrigens extrem cool: Die Konzerte werden in Gebärdensprache übersetzt, am Rand der Bühne steht stets Laura M. Schwengber, die  Dolmetscherin. Zwischen den Konzerten erklärt sie kurz, worauf es bei der Übersetzung eines Liedes wirklich ankommt. Der Flow sei dafür besonders wichtig und ganz nebenbei lernt man als Zuschauer auch gleich seine ersten Zeichen in der Gebärdensprache. Im Kopf bleibt vor allem die Gebärde für Applaus: Hände in die Luft und mit den Fingern wackeln.  Wer einfach nur feiern mag, ist in der Scheune richtig. Hier kann man schon früh zu DJ-Sets tanzen, wenn einem der Sinn gerade nicht nach Livemusik steht. Für die ganz Experimentellen unter den Festivalbesuchern gibt es ein vielfältiges Workshop Programm. Vom Beatbasteln bis zur Anleitung zum professionellen Instagramaccount, das Puls OpenAir bietet für jeden Geschmack etwas. Sogar Morgenyoga gibt es. Damit schafft sich das Festival  seine eigene kleine Nische, in der es gut funktioniert und so kommen auch nicht Band-affine Besucher vollstens auf ihre Kosten. Eigentlich auch ganz schön.

 

Feines Booking beim Puls OpenAir Festival

 

Das soll aber nicht heißen, dass das Puls OpenAir nicht auch ein feines und gut gebuchtes Line-up am Start hat, das irgendwo zwischen Indie Rock und Trap rangiert. Mit gut gebucht meinen wir: Absolute Quotenbringer und kleine Überraschungen, die umso mehr begeistern. Dazu gehören an diesem Wochenende unter anderem auch Blond, die als Teil der Chemnitzer Musikszene inzwischen ordentlich für Furore sorgen und live immer sehenswert sind. Mal ganz abgesehen davon, dass Frauenpower auf der Bühne immer gut ist! Wenn wir schon beim Thema sind: Ebenfalls ein Highlight des Wochenendes: Gurr! Die Berlinerinnen bezaubern mit einem wunderbaren Bühnenpräsenz, eingängiger Songs und der ersten „Wall of Death“ des Festivals. So läuft das richtig. Ähnlich entspannt geht es übrigens auch bei Lary zu. Man muss es dem Puls OpenAir lassen: Ihre Frauenquote ist verdammt gut, das sieht man nicht oft, umso schöner ist es dann aber, wenn dem so ist.

 

Hiphop in allen Facetten und selige Mädchenherzen

 

Ein Act, auf den sich aber vermutlich viele der Besucher einigen können: RIN. Kaum betritt der Cloudrapper aus Bietigheim die Bühne, drehen die Mädchen in der ersten Reihe komplett durch. 2017 hat er mit dem Album Eros den Cloudrap in Deutschland endgültig publik gemacht. RIN seziert in seinen Songs die Welt bis ins Detail. Seine Beobachtungen sind präzise Bilder der Gesellschaft, seine Texte gefühlvoll und klagend. Das kommt an. Das viele Auto-Tune klingt für die ungeübten Cloudrapohren alles erst einmal recht ähnlich und auch ungewohnt. Dennoch: Den Vibe bekommt man mit. Auch wenn man die Musik als solche vielleicht nicht versteht. Fakt ist aber: Gefeiert wird dazu ordentlich, RIN selbst fordert an diesem frühen Abend den größten Moshpit des Wochenendes und das im strömenden Regen. In eine ähnliche musikalische Kerbe schlägt auch Trettmann, der durch sein Album #DIY nach langer Karriere endlich zum Schlag ausholt und mitten ins schwarze trifft. Seine Songs sind eingängig, seine Liveperformance passt. Als Zuckerl obendrauf gibt es einen Gastpart von Felix Brummer (Kraftklub) mit dazu. Das Publikum freut es diebisch, kollektives Ausrasten ist angesagt.  Ähnlich wie bei Zugezogen Maskulin, die die Bühne ganz offiziell komplett zerlegen. Bereits vor ihrem eigentlichen Slot schummeln sie sich zum Soundcheck gleich selbst auf die Bühne, spielen für die schon wartenden Fans zwei Songs und sorgen schon im Vorfeld für Stimmung. Den Sondcheckpogopokal gewinnen definitiv Grim104 und Testo, so macht man Fans glücklich. Apropos glücklich: Auch die Antilopengang versteht ihren Job am Freitagabend recht gut und absolviert ein doch recht solides Set. Überraschung des Wochenendes sind aber garantiert Bavarian Squad, die mit ihrem Mundartrap absolut feierbar sind. Ja, auch über Zwiebelsuppen kann man rappen, wenn man lässig mit einer Maß Bier in der Hand auf der Bühne steht. Ob das Publikum die Texte im Detail versteht, ist zu bezweifeln. Macht nix, es ist urig und irgendwie cool.

 

Der Secret Act mit der Tuba

 

Wenn wir schon bei Überraschungen sind: Auch beim Puls Open Air gab es in diesem Jahr einen Secret Act. Die Spekulationen waren wild, schon als die ersten Töne auf der Kugelbühne Richtung Publikum geschickt wurden, hörte man noch Spekulationen. „Das sind sicher Trailerpark, ich schwöre!“, konnte man von einem selig und erwartungsvoll grinsenden Mädchen in der ersten Reihe hören. Sorry… es handelte sich dabei nicht um die billigen Bummsbeats der Berliner, sondern um ordentlich handgemachte Musik aus einer Tuba. Auf der Bühne stand keine geringere Band als Münchens liebste Brasssection von Moop Mama. Die kurze Enttäuschung währte aber nicht lange, bei Moop Mama kann man einfach nicht ruhig stehen, wenn die 10-köpfige Band alles gibt. Ihr selbstbetitelter Urban Brass ist ultimativ tanzbar und Songs wie „Geh mit uns“ oder „Die Erfindung des Rades“ sind einfach geil gemachte Songs. Hiphop in allen Ehren, was tut es gut, mal wieder Instrumente auf der Bühne zu sehen.

 

Gitarren gegen Rap

 

Gegen die gefühlte Rapallmacht treten auf dem Puls Openair auch einige fein ausgewählte Indie-Alternative Bands an. Von den Grammy Nomminees Sofie Tukker gibt es leicht hörbaren House und EDM auf die Ohren. The Blackout Problems rocken ordentlich auf der Waldbühne und Youngblut holt den Indie zurück. Es ist viel geboten auf dem Puls.

 

The Wombats, der Headliner der Kugelbühne am Freitagabend sind ebenfalls wieder zurück in ihrem Lieblingsbiotop, der Festivalbühne. In den 2000ern gab es vermutlich kein einziges Festival, auf dem sich die Alternativeband rund um Sänger Matthew Murphy nicht die Ehre gab. Mit  „Lemon to a Knife Fight“ haben sie einen weiteren Pfeil im Köcher – die Legende von The Wombats als sensationelle Festivalband bleibt auch am Puls OpenAir erhalten.

 

Scheiß drauf, hol die 80s zurück

 

In eine komplett andere Richtung strebt am Samstag Nachmittag Herxheims berühmtester Sohn. Drangsal holt die 80s zurück und das im besten Sinne. Mit seinem Erstlingsalbum Hinterkaifeck hat Drangsal einen absoluten Überraschungshit gelandet und wurde schnell zu einem Untergrundliebling. So gut seine Songs, so cool ist die Liveappearance von Drangsal. Lässig, cool und immer ein bisschen grantig auf alles. Mit „Turmbau zu Babel“ des neuesten Albums Zores und Songs wie „Allan Align“, und  „Der Ingrimm“ packt er aus, was geht. Einen echten Pfeil im Köcher hat er aber auch. Mit dem Cover von Klaus Lages „Tausend mal berührt“ spielt er sich ins Herz der Zuschauer, selten wurde bisher auf dem Festival so selig laut mitgesungen.  Da verzeiht man ihm auch die zeitliche Fehlplanung des Festivalsets, weswegen am Ende doch noch einige Lieder wegfielen.

 

Musikalisch fein

 

Mit eher ruhigeren Klängen überzeugen Granada, die sich gleich noch den Münchener Kneipenchor als Verstärkung mit auf die Bühne geholt haben. Man kann sagen was man möchte, aber ein gut gesungener Chorsatz macht jeden Song zu einem Gänsehautmoment. Grade, wenn man in der wärmenden Frühabendsonne steht. Ähnlich lauschige Töne schlagen auch Die höchste Eisenbahn an, die ihre sehr treuen Fans gleich mit in die erste Reihe gebracht haben. Ganz im Stile von AnnenMayKantereit spielen sie sich durch ihre Songs. Textlich sind sie wunderschön anzuhören. Perfekt, um sich noch einmal vor den großen Headlinern zu entspannen.

 

Wochenendhighlight Kraftklub

 

Es bleibt die Frage: Wer war das absolut musikalische Highlight des Wochenendes? Keine Frage. Der Titel geht nach Karl-Marx-stadt zu Kraftklub. Das liegt im Übrigen nicht nur daran, dass die Chemnitzer eh einen ordentlichen Stein im Redaktionsbrett haben sondern wirklich an ihrem Konzert. Klar, es ist ein typisches Kraftklub- Konzert. Samt allen Hits wie „Ich will nicht nach Berlin“, „Schüsse in die Luft“ oder „Chemie Chemie ya“, einer fahrbaren B- Bühne und der olympischsten Sportart, seit es Konzertsport gibt: Dem Wettcrowdsurfen . Sieger diesmal übrigens Bassist Till, der mit beeindruckender Körperspannung als erster das Ziel erreicht. Das gehört alles mit dazu, was sie aber zur besten Wochenendband macht: Bei Gott ist da Energie auf der Bühne. Es ist völlig egal, dass pünktlich zum ersten Song ein höllenartiger Platzregen über Kaltenberg niedergeht. Egal ob vor der Bühne oder auf der Tribüne, das Publikum steht, es gibt kein halten mehr und genau da sieht man auch den feinen Unterschied zwischen einer Band, die gute Livemusik macht und einer Band, die ihren Job als Liveentertainer verdammt nochmal wirklich beherrscht. Kraftklub haben einfach eine riesige Freude an dem, was sie da machen. Es ist ihr erstes Festival des Jahres. Um ordentlich in den passenden Vibe zu kommen, schlichen die fünf übrigens bereits seit Freitag über das Gelände und erfüllten brav immer wieder zahllose Foto- und Autogrammwünsche und weil der Konzertabend dann doch tatsächlich beinahe pannenfrei verläuft und die Laune so gut ist, schließt Steffen Israel dem Auftritt gleich noch einen absolut geheimen DJ-Gig und packt sein Alter Ego DJ SHY aus. Das ganze soll irgendwo versteckt auf dem Gelände stattfinden, so wird es zumindest angekündigt. So geheim ist die Waldbühne zwar nicht aber das ist bei der Hitauswahl dann auch egal. Bleibt nur noch zu sagen: Wer die erste Strophe von „Fenster“ in und um Kaltenberg findet, der möge sie bitte an Felix Brummer zurückgeben, der vermisst sie nämlich.

 

TOPs und FLOPs – Was kann das Puls OpenAir

 

Kurzum, das Puls OpenAir ist ein Erfolg. Für jeden, der dabei war. Egal, ob man nun das Line-up bereits vorher kannte, oder einfach ganz naiv ins Blaue gefahren ist. Genauer gesagt war ein voller Erfolg. Bleibt nur noch nach den TOPs und FLOPs des Wochenendes zu schauen!

FLOP:

  • Die Wartezeit auf den Shuttlebus kann sich extrem ziehen, da es nur einen Pendelbus gibt. Es wäre schön, könnte die Abfahrt des Busses weitestgehend auf die Ankunft der Züge abgestimmt werden oder zumindest in engeren Takten erfolgen. So ist eine halbstündige Wartezeit bisweilen etwas nervig. Vor allem, wenn man dann noch nicht mal mehr in den überfüllten Bus passt.

 

  • Die Food-Experience: Ja, als bekennende Fans von Festivalfood ist ein bisschen Trauer angesagt gewesen. Gut, unser neuer Freund, der Köttbullarstand war auch dabei, aber ansonsten war die Auswahl zwischen Burger, Pommes und Kasspatzen doch ein bisschen mau für unsere verwöhnten Foodmägen.

 

TOP:

 

  • Das Booking: Es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Wie schon erwähnt, die Musikauswahl ist bunt, wer das nicht möchte, kann an zahlreichen anderen Aktivitäten teilnehmen. Sensationelles Konzept, wie wir finden, weil ein Festival damit nicht nur für Partywütige oder Musiknerds ist, sondern jeder irgendwas Cooles findet. Ein Konzept, das wir bisher übrigens nur von unserem erklärten Lieblingsfestival kennen, dem Kosmonaut. Schön, dass sich dieses Erfolgskonzept rumspricht! (Ok, zugegeben, beide Festivals haben  mit Landstreicher die gleiche Bookingagentur am Start)
  • Die Location: Ja man mag es im ersten Moment befremdlich finden: Festivalathmosphäre im Mittelalterlook. Das funktioniert aber, insbesondere weil sich die Organisatoren sehr liebevoll um Details kümmern und die Location sehr hübsch rausputzen. Apropos hier noch ein fettes Lob an die Organisatoren: Schwierige Wetterbedingungen wurden hier sehr solide gehandhabt, man hat sich zu keiner Sekunde unsicher oder unwohl gefühlt! TOP!
  • Das durch den Pressebereich trabende Pferd. Aber das ist eine persönliche Sache.

 

Bericht und Fotos: Carola Schulz

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