Rammstein lassen das Münchner Olympiastadion brennen (09.06.2019)

Schon als die ersten Gerüchte um eine Stadion-Tour die Runde machten, wurde so mancher Rammstein-Fan in einschlägigen Foren nervös und richtete sich auf eine Schlacht um die Tickets ein. Wie man schon bald sehen konnte, waren die Sorgen durchaus berechtigt: Innerhalb von nur wenigen Minuten gingen so viele Eintrittskarten über die Online-Ladentheke von Eventim und München Ticket, dass man schon bald einen Rekord verkünden durfte. Das Nachsehen hatten die Fans, die nicht zu den Glücklichen gehörten, die eines der personalisierten Tickets bekommen haben. Nichtsdestotrotz konnten sich gleich an zwei Tagen jeweils fast 70.000 Münchner darüber freuen, dass der erfolgreichste deutsche Musik-Export aller Zeiten in ihrem Olympiastadion gastiert.

Dabei hat die Band sogar den wohl besten Zeitpunkt für ihren verlängerten Aufenthalt in der bayerischen Landeshauptstadt gewählt. Ein sonniges Wochenende, dass auf dem Olympiagelände geradezu Volksfeststimmung aufkommen lässt. Mit Fressbuden, einem vorgelagerten Merch-Stand und allem was dazu gehört. Bei der Größe der mitreisenden Produktion, der gigantischen Bühne und einem Mitarbeiter-Stab, der der Einwohnerzahl einer Ortschaft entspricht, ist es auch nicht ganz abwegig einen solchen Vergleich zu ziehen.

Wenn man dann auch noch den Veranstaltungsort betritt, der neben der Bühne auch noch mit gigantischen, mit PA-Anlagen behangenen Säulen ausgeschmückt ist, kriegt man fast das Gefühl, als wäre das gesamte Stadion ursprünglich allein für den Zweck gebaut worden, das Sextett aus Berlin dort spielen zu lassen. Dabei ist es tatsächlich die erste Stadion-Tour ihrer Karriere. Daher ließen es sich die Musiker auch nicht nehmen entsprechend größeres Geschütz aufzufahren, als man es von ihnen ohnehin gewöhnt ist. Aber dazu später mehr.

Zunächst einmal darf das französische Duo Jatekok der schon zahlreich im Innenraum erschienenen Menge einheizen. Wobei das bei dem Zweigespann aus Paris eher der falsche Begriff ist. Die beiden spielen nämlich Interpretationen der Rammstein-Songs vom Album „Klavier“, welches dem Namen entsprechend einige Tracks enthält, die sich bezüglich Stimmung und Komposition für eine ruhigere Fassung eignen. Und genau hier kommt es zu einem Problem. Trotz des Potentials, dass Gänsehautmomente verspricht, wenn das Stadion aus allen Kehlen die Songs mitsingt, die in Teilen später mit voller Wucht durch die Reihe preschen sollen, stimmen nur wenige Besucher mit ein. Daher entsteht schon nach kurzer Zeit das Gefühl einer Hintergrundmusik zu lauschen, was dem Können und dem Enthusiasmus der beiden Musikerinnen nicht gerecht wird. In diesem Sinne ist es wohl primär die Kombination aus einem intimen Genre und der gigantischen Umgebung des Stadions bei Tageslicht, dass die Funktion der Vorband in diesem Kontext obsolet erscheinen lässt. Trotzdem würdigen die meisten Fans das Geschehen mit Applaus, als der letzte Ton verklungen ist.

Da die Performance der Vorband im Übrigen auf einer sogenannten „B-Stage” inmitten des Publikums stattfindet und daher kein zusätzlicher Umbau der Bühne notwendig ist, müssen die Fans sich keine 20 Minuten gedulden, bis die ersten Töne von Georg Friedrich Händels Feuerwerksmusik” den Beginn einer Show einläuten, deren Ausmaße man sich bis dato nicht vorzustellen wagte. Mit gebührendem Bombast betritt Christoph „Doom” Schneider seinen Platz hinter den Drums, platziert am unteren Ende einer gigantischen Bühne, die direkt aus Fritz Langs Metropolis entstammen könnte. Und damit auch wirklich jeder versteht, dass er oder sie bei einer Rammstein-Show zugegen ist, löst er mit einem wortwörtlichen Paukenschlag eine Explosion aus, die die Fans aus ihrem ehrfürchtigem Staunen herausreißt und einem Jubel überführt, der noch lange anhält, als die ersten Töne des überraschenden Openers „Was Ich Liebe” vom neuen selbstbenannten Album ertönen. Doch nach einer kurzen Irritation versteht man den Hintergedanken dieser Wahl. So steigt ein Instrument nach dem anderen ein, was die Möglichkeit gibt sich in einer Reihenfolge auf die Bühne zu begeben und sich mit Till Lindemanns Gesang schon bald in den mitreißenden Refrain fallen zu lassen.

Dem folgt schon ein Übergang, der den Abend über beibehalten werden soll. Mit „Links, 2, 3, 4” wird nämlich einer von vielen (wirklich vielen) Klassikern aus dem Portfolio der Band ausgepackt, die zunächst im Wechsel mit den neuesten Tracks aus der Diskografie von Rammstein dargeboten werden. Zu den Fanlieblingen gehören solche Perlen wie „Sehnsucht“, „Mein Herz Brennt” oder auch das lange nicht gehörte „Heirate Mich“. Gewürzt werden die Songs dabei nicht einfach mit den altbekannten Effekten, sondern meist mit einer erweiterten Fassung ihres Spiels mit dem Feuer. So zum Beispiel auch „Mein Teil“, dass wie gewohnt einen Flammenwerfer beinhaltet, der dem Keyboarder Flake in seinem Topf (ja, er sitzt in einem) ordentlich einheizt. Da Fans der Band dafür bekannt sind ihre Konzerte über Alben-Zyklen hinweg zu verfolgen, wird ihnen auch in diesem Fall etwas Frisches geboten. Nachdem der zweite, weitaus größere Flammenwerfer, nämlich nicht zur Zufriedenheit des als Kannibalen-Koch verkleideten Lindemann funktioniert, greift er kurzerhand zu einer Art Flak-Geschütz, welches noch größere Flammen speien kann, die nun den armen Flake ganz umhüllen, jedoch unverletzt lassen. Doch auch neuere Streiche wie „Puppe” werden spannend verpackt. Ein wenig an „Wiener Blut” (vom 2009-Album „Liebe ist für alle da“) erinnernd, fährt Till Lindemann mit einem gigantischen Kinderwagen aus Metall aus dem Boden der Bühne heraus, eine Kamera auf dem Gesicht, die auf der Leinwand über der Bühne die Sicht des Sängers auf die Menge wiedergibt. Rammstein wären jedoch nicht Rammstein, wenn hier nicht eine grenzwürdige Performance eingebaut werden würde. Kaum erklingt der Refrain mit dem halszerreissenden „Und dann reiß’ ich der Puppe den Kopf ab!“, steht urplötzlich das Innere des Kinderwagens und das darin entstellte „Baby” in Flammen, um schlussendlich in einem schwarzen Konfettiregen unter zu gehen. Man sieht, dass die Mannen aus dem Osten die Klaviatur der Provokation immer noch perfekt zu spielen wissen.

Wobei auch hier und da leisere Töne in das Set verbaut werden, welche nicht nur bei der neuesten Ballade „Diamant” zum Vorschein kommen. Durch die Menge auf die zuvor von Duo Jatekok genutzte kleine Bühne eskortiert, positionieren sich alle sechs Musiker um die erneut von der Vorband okkupierten zwei Klaviere und stimmen gemeinsam, minimalistisch unterlegt, den Überhit „Engel” an, der aus fast 70.000 Kehlen für weit mehr als nur einen Gänsehautmoment sorgt. Und auch nach diesem Track folgt eine Erweiterung bekannter Show-Elemente. Wie jeder langjährige Fan der Band weiß, gibt es einen Moment während des Konzerts, bei dem einer der Band-Mitglieder in ein Gummiboot steigt und von der Menge von der Bühne und zurück getragen wird. Heute darf jedoch die gesamte Belegschaft mit Ausnahme von Till Lindemann ran, der seine Kollegen auf der Hauptbühne begrüßt, um die neuste Single-Auskopplung „Ausländer” auf die Münchner abzufeuern, die „Ich bin Ausländer!” mindestens so laut grölen, wie einige Tracks zuvor bei “Deutschland” den grenzwertigen Ausruf „Deutschland, Deutschland über allen!“, der leider von nicht allen Anwesenden so reflektiert verstanden wird, wie er gemeint ist.

Mit dieser Mischung aus alt und neu geht es auch weiter im Programm, bis das obligatorische „Ich Will” als perfektioniertes Wechselspiel zwischen Band und Publikum als Abschluss gespielt wird und damit tatsächlich einen Track weniger, als tags zuvor am selben Ort, wo der Klassiker „Rammstein“, samt Pfauen-Flammenrucksack zu bestaunen war. Das ändert jedoch nichts am extrem runden Konzert, dass mit über zwei Stunden und damit einer gewaltigen Menge an Songs, die Fans mehr als zufrieden in die Nacht entlässt. Nach diesem Erlebnis darf man nur noch hoffen, dass sich Gerüchte um ein weiteres Album irgendwann bestätigen und es sich um keinen vorgezogenen Live-Abschied handelt. Denn an diesem Wochenende wurden in München nicht nur alte Wegbegleiter der Band, sondern eine ganze Armee an neuen Fans angefixt, die nichts sehnlicher erwarten, als den nächsten Schuss an brachialem Sound-Gewitter samt düsterer Textbegleitung aus dem Hause Rammstein.

 

Text: Igor Barkan

 

Setliste (09.06.2019)

1.Intro (Georg Friedrich Händels „Feuerwerksmusik”)

2.Was ich liebe

3.Links, 2, 3, 4

4.Tattoo

5.Sehnsucht

6.Zeig dich

7.Mein Herz brennt

8.Puppe

9.Heirate mich

10.Diamant

11.Deutschland (Remix von Richard Z. Kruspe)

12.Deutschland

13.Radio

14.Mein Teil

15.Du hast

16.Sonne

17.Engel (feat. Duo Jatekok)

18.Ausländer

19.Du riechst so gut

20.Pussy

21.Ohne dich

22.Ich will

23.Outro (Sonne – Klavier-Version)

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