Rock im Park 2018

Tag 1:

 

Und schon ist ein Festivalwochenende schon wieder zu ende. Gerade der erste Tag danach ist immer etwas komisch, wenn man plötzlich wieder zurück in der Zivilisation ist und nicht wie die vergangenen drei Tage mit 80 000 anderen Menschen vor einer riesigen Bühne Bands zujubelt. Es begegnen einem keine Menschen mehr in Hai- oder Batmankostümen und ein Riesenrad steht auch nicht einfach so am Straßenrand. Jetzt heißt es wieder zurück in den Alltag. Aber vorher wollen wir noch mal ein bisschen in Erinnerungen an ein vollends gelungenes Rock im Park- Wochenende schwelgen.

 

„Ab Mittag soll es regnen“ bemerken wir noch am Donnerstagabend, nach einem Blick auf unsere Wetter-App. Zeitgleich fing bereits der erste Regenschauer an. Wir dachten, das Ganze wird sich vermutlich über den gesamten ersten Rock im Park-Tag ziehen, denn immerhin waren die Aussichten für das Wochenende schon seit Wochen nur durchwachsen. Dass wir letztlich bei durchschnittlichen 25 Grad und fast ausnahmsloser Sonne an drei Tagen vor den Bühnen stehen würden, hätten wir da noch nicht gedacht. Doch bereits der Freitag begrüßt uns ohne Regen am Morgen. Die Sonne gesellt sich schließlich mittags dazu und will auch bis zu den Foo Fighters am Abend nicht verschwinden – wer kann es ihr auch verübeln, wenn immerhin Dave Grohl die Bühne betritt.

 

Back to the Good Old Days mit Good Charlotte

 

So finden wir uns also schon bei einem sonnendurchfluteten Zeppelinfeld wieder, als gerade Bad Religion ihren „Punk Rock Song“spielen. Direkt im Anschluss betritt eine Band die Bühne, die uns bereits in unserer Jugend begleitet hat: Good Charlotte. Zugegeben, so wirklich haben wir die musikalische Karriere der US-Amerikaner nach ihrem Hit „I Just Wanna Live“ dann nicht mehr verfolgt. Aber wer erinnert sich nicht gerne an das Musikvideo, in dem die Bandmitglieder in Hot Dog Kostümen herumliefen? Doch nach einer längeren Pause von 2011 bis 2015, in der vor allem die Madden-Brüder eher durch ihr Privatleben in der Presse waren (Sänger Joel Madden ist mit Lionel Richies Tochter Nicole Richie verheiratet, Bruder und Gitarrist Benji mit Cameron Diaz), sind sie jetzt wieder zurück und kündigen gleich für September ein neues Album an. Ihrem Gig bei Rock im Park haben offenbar einige in unserem Alter entgegengefiebert. Und so beginnen Good Charlotte ihr Konzert auch direkt mit einem alten Hit: „The Anthem“. Es folgt eine ausgewogene Mischung aus älteren und einigen neueren Songs. Sänger Joel Madden macht immer wieder sympathische Ansagen, braucht manchmal zwar etwas länger, um seine Sätze zu beenden, man merkt aber deutlich, dass die Band wieder richtig Bock hat, in diesem Nachmittagsslot zu spielen und die Bühne gemeinsam mit Rise Against und den Foo Fighters an diesem Tag zu teilen. Zwar sind auch die verrückten Punk-Emo-Zwillinge inzwischen erwachsener geworden, das heißt aber nicht, dass die Band nicht immer noch alles gibt. Vor allem stimmlich scheint Sänger Joel besser drauf zu sein, als bei früheren Konzerten. Und natürlich beenden Good Charlotte ihr Konzert mit ihren zwei größten Hits: „I Just Wanna Live“ und im Anschluss direkt „Lifestyle Of The Rich And The Famous“.Wir müssen feststellen, dass wir die Texte auch nach über zehn Jahren immer noch auswendig können und singen freudig mit – so wie fast jeder vor der Zeppelinstage – und fühlen uns zum ersten, aber nicht zum letzten Mal, an diesem Wochenende wieder wie 16!

Eine Reise für die Geschmacksknospen

 

Im Anschluss testen wir erstmals an diesem Wochenende das Food Line Up von Rock im Park. Und das hat auch dieses Jahr wieder einiges zu bieten! Denn neben den typischen Bratwurst-, Asia- und Burger-Ständen sind dieses Jahr wieder sämtliche andere Leckereien dabei. Kässpatzen, Kartoffelreibedatschi, Wraps mit den verschiedensten Füllungen, ein riesiger Barbarenspieß, Pulled Pork Burger, Leberkäse und Hot Dogs mit diversen Toppings, süße Brezn, Empanadas mit verschiedenen Füllungen, Langos und last but not least natürlich unser geliebtes Handbrot. Und so voll, wie es an diesem Wochenende auch wieder an den Handbrotständen war, scheint es immer noch DER Festivalklassiker schlechthin zu sein. Wir haben uns an diesem ersten Tag übrigens für eine süße Schoko Brezn, sowie Wraps und Kartoffelreiberdatschi entschieden – und es war vorzüglich! Generell wurden in diesem Jahr offenbar deutlich mehr Sitzflächen auf dem Gelände ermöglicht, welche auch teilweise überdacht waren. Auf dem Weg von der Zeppelinstage zur Park- oder Arenastage spielte ein DJ-Team alles Querbeet aus den verschiedenen Musikjahrzehnten. So fand man sich manchmal tanzend zu „Coco Jumbo“ wieder, ehe direkt nach dem Konzert der Foo Fighters Nirvana lief. Immer wieder bleiben Menschen stehen, um für ein paar Minuten zu tanzen, ehe es weiter zu den Bühnen geht. Ziemlich coole Idee, wie wir finden. Auch wir haben das eine oder andere Mal kurz unsere Tanzschuhe ausgepackt.

 

Zurück zur Zeppelinstage. Da spielen gerade Rise Against und heizen die Menge an, die vorne im Pogo schon mal ordentlich den Staub aufwedelt. Es gibt alle Hits, die Rise Against zu bieten hat und bei „Hero of War“ traditionell einen ziemlichen Gänsehautmoment für uns. Dieser Song packt uns einfach immer wieder, egal wie oft wir ihn inzwischen live gehört haben. Aber sobald Tim McIllrath samt Akustikgitarre auf der Bühne steht und Tausende im Publikum mit einstimmen, geht uns das ganz schön unter die Haut. Leider müssen wir feststellen, dass der Sound vorne direkt im ersten Wellenbrecher doch relativ leise ist, was leider auch schon letztes Jahr die ersten Konzerte des Freitags etwas vermiest hat. Also wieder weiter nach hinten, um letztlich die Foo Fighters bei bestem Sound zu erleben.

 

Foo Fighters größer denn je

 

Und die Headliner des Freitags betreten schließlich auch pünktlich um 20:30 Uhr die Bühne. Gleich das erste Gitarrenriff von Dave Grohls blauer Gibson lässt erahnen, dass es hier an diesem Abend ziemlich laut werden wird. Ihr Set starten sie mit „Run“ vom neuen Album „Concrete And Gold“, das letztes Jahr erschien. Und direkt beim ersten Song zeigt die Band eine so große Präsenz auf der Bühne, dass es einen fast umhaut. Und das, obwohl wir beide die Foo Fighters schon mehrmals live gesehen haben. Ohne große Ansagen folgen Hits wie „All My Life“ und „Learn To Fly“, ehe zu „Sky Is A Neighborhood“ plötzlich drei Backgroundsängerinnen auf die Bühne kommen. Man wundert sich kurz, ist man so etwas ja eigentlich von den Foo Fighters nicht gewohnt. Aber gerade bei diesem bombastischen Song machen die Sängerinnen Sinn, immerhin wird Dave Grohl auf Platte stimmlich von The Kills Sängerin Alison Mosshart unterstützt.

Auch, wenn die Foo Fighters seit letztem Jahr mit ihrem neuen Album auf Tour sind, werden natürlich auch an diesem Abend bei Rock im Park sämtliche Hits gespielt. Ob nun „The Pretender“, „These Days“ oder das melancholische „My Hero“, bei dem zunächst nur Dave Grohl mit Gitarre auf der Bühne steht und kräftig vom Publikum stimmlich unterstützt wird. Bei der obligatorischen Bandvorstellung zeigen schließlich auch die anderen Bandmitglieder, was sie stimmlich so draufhaben. So covert Gitarist Chris Shiflett den Alice Cooper-Song „Under My Wheels“, ehe Pat Smear „Blitzkrieg Bob“ anspielt und schließlich Drummer Taylor Hawkins seinen großen Moment hat und genau das macht, was er schon drei Jahre zuvor im Park getan hat: er singt „Under Pressure“ von Queen und David Bowie. Und das mit den passenden Freddy Mercury Posen dazu! Es ist schön zu sehen, dass sich dabei auch mal die größte Rampensau Dave Grohl ein bisschen zurücknimmt und sich einfach an die Drums setzt und damit aber auch einen ganz kleinen Hauch von Nirvana zurückbringt.

Ganze zweieinhalb Stunden spielen die Foo Fighters und das alles ohne größere Pausen oder Zugaben – denn dadurch könnte ja wertvolle Spielzeit verloren gehen, laut Grohl. So wird also bei inzwischen klarem Nachthimmel „Best Of You“ gefolgt von „Everlong“ gespielt, bei dem noch einmal aus voller Kehle mitgegrölt werden kann. Und das machen die Leute auch. Egal, ob vorne an der Bühne oder ganz hinten am Riesenrad. Genau damit haben die Foo Fighters mal wieder bewiesen, dass sie eben ein würdiger Headliner sind! Für uns einer der besten Auftritte des Wochenendes!

 

Im Anschluss strömen viele Menschen auf die Parkstage, um den Auftritt der Gorillaz zu sehen. Doch wie bereits 2015 bei Slipknot gibt es zunächst keine Chance, auf das Gelände der Bühne zu kommen. So beenden wir den ersten Festivaltag mit einem bis zum nächsten Morgen andauernden Ohrwurm von „Sky Is A Neighboorhood“…

 

 

Tag 2:

 

 

Am zweiten Tag eröffnen Milky Chance für uns den Samstag. Erneut scheint uns die Sonne frech ins Gesicht und es erscheint als ziemlich gute Idee, sich bei der chilligen Musik der Kasseler einfach ein ruhiges Plätzchen auf der Wiese zu suchen. Warum Milky Chance bereits nach ihrem ersten Debütalbum großen internationalen Erfolg einfahren konnten und u.a. beim Coachella gespielt haben, zeigt sich recht schnell: sie klingen einfach verdammt gut live! Alles ist gut abgemischt, Sänger Clemens Rehbein hat einfach auch live genau die Reibeisenstimme, die man schon von Platte kennt. Live werden sie von einigen Tourmusikern unterstützt und wirken damit fast schon zu groß für diesen Nachmittagsslot. Das Publikum bei Rock im Park tanzt zu Songs wie „Blossom“, „Down By The River“ und natürlich „Stolen Dance“. Wer zeitgleich im Riesenrad ein paar Runden dreht, hat vermutlich den Jackpot gezogen, was Festival-Atmosphäre angeht. Denn Milky Chance verkörpern genau das: eine verdammt gute Festivalatmosphäre mit musikalisch melodischen, sowie chilligen Songs. Perfekt also für den Sommer. Perfekt für diesen zweiten Rock im Park Tag. Dazu gönnen wir uns übrigens einen Becher Wikingerblut. Eine Mischung aus Slush Eis und Metwein. Definitiv empfehlenswert!

 

Zurück in die Jugend mit Enter Shikari

 

Nach Milky Chance geht es schnell rüber zur Park Stage, wo erneut eine Band spielt, die uns an diesem Wochenende wieder 16 sein lässt: Enter Shikari. Bekannt geworden sind die Briten 2006 durch Myspace. Wer Myspace nicht kennt: es war sozusagen das Facebook von damals, nur in cooler, denn immerhin hatte jeder einen eigenen Profilsong. Außerdem konnten Bands durch Myspace ihre Musik verbreiten, was im Falle von Enter Shikari hervorragend geklappt hat, da sie via Myspace zunächst ihre Songs veröffentlichten, ehe 2007 ihr Debütalbum „Take To The Skies“ erschien und Goldstatus in Großbritannien erlangte. Angefangen mit Elektro-Hardcore, hat sich die Band inzwischen musikalisch deutlich weiterentwickelt. Auf dem neuen Album „The Spark“ sind Einflüsse aus Indie, Alternative, Rock, Metal, Screamo, Dubstep und Elektro bis hin zur Klassik zu hören. Und genau diesen Mix prägt schließlich auch ihr Konzert bei Rock im Park. Sänger Roughton „Rou“ Reynolds erscheint zu Anfang des Auftritts noch im hellblauen Anzug und Brille, doch nach und nach legt er immer mehr Kleidungsstücke ab und fegt schließlich kurz vor Ende des Konzerts oberköperfrei über die Bühne. Man muss schon sagen, der interessante Tanzstil des Sängers und seine sympathischen Ansagen überzeugen uns doch recht schnell, auch wenn der Sound etwas dumpf erscheint. Natürlich scheint das Publikum auch hier auf den größten Hit zu warten und natürlich lassen Enter Shikari ihn nicht weg. In einem mehrminütigen Medley wird schließlich „Sorry You’re Not A Winner“ gespielt – und natürlich brav an den richtigen Stellen dreimal geklatscht. Das, was mit 16 bereits in der Dorfdisko und auf jeder Party passierte, wenn der Song lief, klappt jetzt immer noch recht gut. Nach einem kurzen Video für die Social-Media-Kanäle der Band bedanken sich die Briten und verlassen schließlich die Bühne.

Puh, erstmal Zeit für einen kleinen Snack.

Diesmal entscheiden wir uns u.a. für Köttbullar, Wraps und Asia Nudeln. Denn für Caspers Co-Headlinerkonzert muss man schließlich gestärkt sein.

 

Casper vs. Jared Leto

 

Der Casper hatte sich den vorletzten Tagesspot auf der Zeppelinstage gesichert und war darauf auch mächtig stolz. Sein Set eröffnet er mit „Alles ist erleuchtet“, ein Lied, das sich ja schon weit vor der Albumveröffentlichung in unser Herz geschlichen hat. Was folgt, ist ein absolut solides und gutes Casperkonzert. Über „Hinterland“ bis „Mittelfinger hoch“ hat Casper alles im Gepäck. Letzteres spielt er übrigens auf einer Mini-B-Bühne vor dem 2. Wellenbrecher, eine coole Idee, so noch ein bisschen mehr Publikumsnähe aufzubauen. Dabei bräuchte Casper das eigentlich gar nicht. Schon von Beginn des Konzertes hat er das Publikum wie immer auf seiner Seite, würden wir im Fußballjargon schreiben: Es ist ein Heimspiel. Bei „Wo die wilden Maden graben“ können wir dann auch noch einen weiteren Haken auf unserer Festival-to-do-Liste setzen: Wir joggen entspannt durch einen der vielen Circle Pits, während Casper sich auf der Bühne langsam aber sicher dem Kollaps nähert. Schwer atmend hängt er in halber Embryonalstellung auf dem Bühnenboden, japst, ringt nach Luft und wird mit einem Strauß Rosen beworfen. Den klemmt er sich kurzfristig zwischen die Zähne, mutiert damit zum Rosenkavallier und erntet vom Publikum einen lauten Lacher. Aber genau das macht ein Casperkonzert aus: Gute Musik, auch wenn hier der Sound wieder einmal nicht komplett mitspielt und eine Menge Spaß. Als dann auch noch Jesus zu Besuch kommt, und nein, wir meinen nicht Jared Leto, sondern einen Fan im Jesusoutfit, ist die Sache erledigt. Das Publikum liebt Casper und Casper strahlt. Schwer atmend, aber er strahlt. Kritteln müssen wir dennoch ein bisschen, wenn auch nur aus blankem Neid: Bei Rock am Ring gab es Gastauftritte von Felix Brummer und Drangsal. Der Park geht featuremäßig als kleine Festivalschwester leer aus. Ist das eigentlich schon Mobbing?

 

Jared Letos One Man Show

Im Anschluss an Casper spielt also der Headliner von Tag 2 auf der Zeppelinstage. Zugegeben, während Caro nach dem 30 Seconds To Mars Konzert in München vor ein paar Wochen schon genug hatte („Nein, das war das schrecklichste Erlebnis jemals und das, wo ich doch so Fan war früher.“), wollte Nina es doch mal wissen. Einfach um mitreden zu können. Tatsächlich betritt Drummer Shannon Leto sehr pünktlich die Bühne und beginnt mit einem kleinen Drum Solo. Kurze Zeit später wird ihm die Aufmerksamkeit der Zuschauer jedoch von seinem Bruder Jared Leto genommen. Dieser kommt im roten Flatterponcho, roter Jogginghose und Sonnenbrille mit wehendem langem Haar auf die Bühne gesprintet. Das erste, was er tut, ist es, die Menge zum Springen zu animieren. „Jump, Jump“ ruft er immer wieder ins Mikro, während die Band in Form von Shannon Leto an den Drums und zwei Tourmusikern, die an den Rand der Bühne verbannt wurden, mit Up In The Air und „Kings And Queens“ direkt zwei Hits raushaut. Im Grunde besteht die Setlist an diesem Abend nur aus Hits, die zeitweise von einigen Songs des vor kurzem erschienen Albums „America“ unterbrochen werden. Dabei scheint Jared Leto den Gesangspart aber ziemlich oft lieber dem Publikum zu überlassen, vor allem bei den höheren Tönen. Während das Publikum schließlich singt, dreht Leto sich gerne mal im Kreis und versucht anschließend dann doch mal ins Mikro zu screamen, was ihm erstaunlicherweise teilweise sogar gelingt. Dass Jared Leto sich immer wieder gerne Sachen für seine Fans einfallen lässt, ist keine Neuheit. So holt er schon bereits nach ein paar Songs zwei Fans auf die Bühne. So richtig weiß man nicht, warum. Zwar sollen sie textsicher sein, wie er sagt, aber gesungen wird im Anschluss doch nicht. Stattdessen sollen das Mädchen und der Junge aus dem Publikum lediglich bestimmen, welche Seite vor der Bühne lauter ist. Da der Fan aus dem Publikum oberkörperfrei ist, lässt auch Leto es sich auch nicht nehmen, mal kurz seinen Poncho hochzuziehen – was natürlich mit Kreischen aus den ersten Reihen quittiert wird. Ja, Jared Leto weiß, was er tun muss, um bei seinen Fans anzukommen, aber ob das auch für die Nicht-Fans reicht? Vieles von dem, was er tut wirkt deutlich aufgesetzt. Natürlich, schauspielern kann er ja, wurde ja auch mit einem Oscar ausgezeichnet. Doch so richtig blickt man bei dem Konzept von 30 Seconds To Mars jedoch nicht mehr durch. Alles wirkt eher viel mehr wie eine einzelne Jared Leto One-Man-Show, anstatt eine Band, zumal Bassist Tomo Milicevic gar nicht erst mit auf Tour gegangen ist. Als Leto schließlich „The Kill“ankündigt und der Song sogar im voller Länge gespielt wird – nicht, wie zuletzt oft nur akustisch angespielt – ist man dann doch überrascht. Dazu werden riesige Luftballons ins Publikum gelassen, die einige in der Menge noch längere Zeit bespaßen werden, da es sich als äußerst schwierig herausstellt, so einen Luftballon zu fangen. Doch manchen gelingt es. Natürlich nur mit der richtigen Technik.

Nach dem Zurücksinnen der 2006er 30 Seconds To Mars-Zeit, kommen mit „Walk On Water“ und „Dangerous Night“ die bisherigen zwei Singles des neuen Albums, was generell viel poppiger und radiotauglicher bis hin zum Dubstep wirkt. Noch einmal ein bisschen pompös wird es schließlich bei „City of Angels“,Jared Letos Ode an seine Heimat Los Angeles und Hollywood, ehe schließlich zum Finale von „Closer To The Edge“ sämtliche Fans auf die Bühne dürfen, die jedoch von den Securities vehement davon abgehalten werden, auch nur ansatzweise Herrn Leto näherzukommen.

Alles in allem wirkte 30 Seconds To Mars nicht wie ein würdiger Headliner, was allein schon an der fehlenden richtigen eingespielten Liveband liegt. Jared Leto hat früher auch mal selbst die Gitarre in die Hand genommen, heute offenbar nicht mehr. Natürlich freut man sich irgendwo, die Songs von früher mal live zu hören, aber was Livequalitäten angeht, haben so einige andere Bands uns an diesem Wochenende deutlich mehr überzeugt…

 

 

 

Metal-Prince Charming Corey Taylormit Stone Sour zurück im Park

 

…eine dieser Bands ist Stone Sour. Im Gegensatz zum Headliner auf der Zeppelinstage, stehen auf der Parkstage Musiker, die ihr Handwerk von Grund auf quasi perfekt beherrschen. Stone Sour betreten die Bühne und sind da. Allein die Bühnenpräsenz von Corey Taylor erfüllt die Parkstage komplett, dafür muss er sich noch nicht einmal im Kreis drehen. Ein simples und  von Herzen kommendes „Hallo meine Freunde!“ genügt da schon. Vor der Bühne ist es packevoll und die Stimmung sensationell.  Keine zehn Minuten benötigt es, bis sich ein sehr dickes und seliges Grinsen ins Gesicht schleicht. Hach, wie schön so ein Konzert sein kann und wie viel Spaß es auch machen kann. Ja, zugegeben: Es war Zeit, mal wieder die Gesangskünste so richtig rauszulassen. Glanzvoll schräg, dafür mit viel Leidenschaft intonierte das Publikum Songs wie „Bother“ und „Through Glass“. Wir ganz vorne mit dabei. Songs wie „Red, Rose, Violent Blue“motivieren uns nur noch mehr und spätestens bei „Song 3“ lassen wir alles raus. Auf der Bühne zeigt Corey Taylor ein ums andere Mal, wie man eine perfekte Show inszeniert. Charmant wie eh und je führt er durch den Abend, singt sich Herz und Seele aus dem Leib, strahlt dabei übers ganze Gesicht und lässt den nach einer kurzen gesundheitlichen Zwangspause zur Band zurückgekehrten Josh Rant noch ein bisschen extra feiern. Es ist schlicht ein sehr rundes und schönes Konzert.

 

Noch ganz hibbelig-happy treffen wir dann zu Marilyn Manson wieder zusammen und können uns erst einmal von unseren Erlebnissen berichten (Nina: „Jared Leto kann sich drehen!“; Caro, strahlend: „Ahhhhhhhh!!!!“) und gönnen uns erst einmal ein Feierabendhandbrot samt heißem Met. So ein langer Festivaltag schafft einen schließlich ordentlich, abgesehen davon muss man sich ranhalten, wenn man es bei der Food Experience zu etwas bringen möchte. Und ja: Das Handbrot hält, was es verspricht. Pervers käsig, sättigend und lecker. Kombiniert sich wunderbar mit dem süßen Met definitiv eine gute Erfahrung für die Geschmacksknospen. So verbringen wir einen guten Teil des Sets von Marilyn Manson mit unserer Spätmahlzeit und stellen wieder einmal fest: Die stampfenden Beats gehen ins Ohr und sind verdammt tanzbar. So verlassen wir gemütlich schlendernd und tanzend  zu „Kill4me“ die Parkstage. Zufrieden sind wir. Tag zwei war toll. Und regenlos! Nimm das, Wetter-App!

 

 

Tag 3

 

Auch an Tag drei lacht uns morgens die Sonne ins Gesicht und wir stehen wieder vor dem Problem: der Wettervorhersage geglaubt und falsch gepackt. Dafür hätten wir kuschelige Pullis im Angebot. Verdammt.

 

Wir machen aber das Beste draus und gesellen uns erst zu Kaleo wieder vor die Bühne. Da brennt uns die Sonne zwar immer noch erbarmungslos auf den Kopf, aber was solls. Für die Band aus dem hohen Norden nehmen wir das gerne in Kauf. Ja, wir sind so genannte early adopters, was Kaleo betrifft. Bereits 2014 hat Caro sie live gesehen, irgendwo in einer kleinen Bar in Reykjavik, noch weit bevor sie überhaupt irgendwie bekannt wurden. Zu einer Zeit, in der sie noch vorwiegend in ihrer Muttersprache Isländisch gesungen haben. Fan waren wir damals schon, entsprechend freut es uns auch zu sehen, wie erfolgreich die Band inzwischen geworden ist. Dass sie musikalisch feine Rockmusik spielen, war uns damals schon klar. Bei Rock im Park erspielen sie sich die Zuschauer. Mit ihrem ehrlichen, handgemachten Rock und den dazu gehörigen Blues- und Folkelementen begeistern sie restlos. Am Ende des Sets haben sie sich aber sicherlich in einige Herzen gespielt, so sympathisch und auf dem Boden geblieben wirken sie. Mit Songs wie „No Good“ oder „Way down we go“ begeistern sie und besonders die Stimme und auch Bühnenpräsenz von Sänger Jökull Júlíusson ist dabei einfach nur beeindruckend und sorgt für ordentliche Gänsehaut. Als sie dann jedoch noch „Vor í Vaglaskógi“ spielen, ist es um uns endgültig geschehen und uns quält dann doch noch die Sehnsucht nach der Zweitheimat. Es bestätigt uns wieder einmal:  Dieses Land im hohen Norden hat einen unglaublich reichen Schatz an extrem guter Musik. Es ist einfach ein wundervoller später Nachmittag mit Kaleo.

 

Snow Patrol bieten mehr als nur Grey’s Anatomy Soundtrack

 

Genauso schön geht es geht es in der Abendsonne mit Snow Patrol weiter. Man denkt sich vielleicht jetzt „Snow Patrol? Gibt’s die noch?“. Ohja, die gibt es sehr wohl noch, auch wenn Sänger Gary Lightbody inzwischen gerne mal Songs mit Ed Sheeran schreibt. Tatsächlich ist es schon ganze acht Jahre her, dass die Band zuletzt in Deutschland gespielt hat. Umso mehr Spaß haben die Briten auf der Bühne, sodass sogar selbst die Securities im vorderen Bühnengraben irgendwann ein kleines Tänzchen aufführen. Als ein Fan ein Schild mit der Aufschrift „I fucked to your music“ hochhält, bedankt sich Sänger Gary Lightbody einfach nur ganz nett. Eben britisch. Und wir sind überrascht, wie viele Songs wir letztlich doch kennen von dieser Band, die gefühlt in jeder Folge von Grey’s Anatomy gespielt wird. Apropos, spätestens als das Intro von „Chasing Cars“ ertönt, legt sich eine ganz ruhige Stimmung über das Zeppellinfeld. Jeder möchte in diesem Moment der Bühne lauschen und vermutlich hat auch fast jeder Anwesende an diesem Sonntagabend einen eigenen „Chasing Cars“- Moment. Wir zumindest schon. Die untergehende Sonne tut ihr übriges dazu und lässt den Auftritt von Snow Patrol zu einem ganz besonderen Festivalmoment werden. Ganz ohne Instagramfilter.

 

Muse wie immer bombastisch mit Abzügen in der B-Note

 

Am Ende des Abends stand für uns aber noch ein absolutes Highlight an: Muse. Die drei Briten rund um Matt Bellamy reisen mit einem großartigen Ruf an. Teile der Redaktion geben bei der Nachfrage nach dem besten Konzert jemals nämlich einen Konzertabend mit Muse an. Die Erwartungen sind also riesig, besonders schwer wiegt die Frage: Ist Muse eine Festivalband? Schließlich ist ihr New Prog-Alternative Rock nicht jedermanns Geschmack und teilweise tatsächlich auch nicht einfach zu hören. Ob das also auf ein partygetrimmtes Festivalvolk passt? Um es kurz zu machen: Ja, tut es tatsächlich. Aber mit Verlusten. Muse legen an diesem Abend eine musikalisch exzellente Leistung hin. Matt Bellamy spielt Gitarrensolos, die bei uns begeistertes Quieken auslösen (Er spielt übrigens auch ein Gitarrensolo mit der Zunge. Wollten wir nur mal erwähnt haben.), seine Gesangparts sind lupenrein. Die Bässe wummern wuchtig aus den Lautsprechern, die zum Ende des Festivals noch einmal auf ihre Tauglichkeit geprüft werden und der Qualitätsprüfung ordentlich standhalten. Muse spielen sich einmal quer durch ihr Schaffen. Von „Plug in Baby“ über „Undisclosed Desires“ und den Twilight bedingten Hit „Supermassive Blackhole“. Bei „Unsustainable“ aus ihrem Album „The 2nd Law“ fällt uns wie immer der Kiefer auf den Boden, dieses Lied ist einfach nur unfassbar geil. In seinem fast symphonisch wirkenden Aufbau entwickelt es eine Dramaturgie für sich selbst. Spätestens jetzt dürfte auch der letzte Zuschauer im Muse-Universum angekommen und von der Band in Bann gezogen worden sein, dauert es doch ein wenig, um sich auf eine Muse Show einzulassen. Matt Bellamy ist ein Bühnenmann, wie er im Buche steht, die großen Gesten sind ihm definitiv nicht fremd und auch das Publikum feiert die Band ordentlich. Mit dabei haben die Briten eine wuchtige Lichtshow, wie es sich für eine Museshow gehört. Dennoch fehlt etwas. Es ist der sonst immer vorhandene rote Faden, den Muse sonst durch ihre Konzerte ziehen. Die Geschichte, die sie sonst mit ihren Auftritten erzählen und die einen völlig in Beschlag nimmt. Klar ist es ein unfassbar gutes Konzert. Aber leider kein Konzert, das einen noch eine Woche wie ein Zombie durch die Welt steuern lässt, weil man einfach nicht begreifen kann, was für einen sensationelle Show man gesehen hat und das man erst langsam verarbeiten muss, um überhaupt darauf klar zu kommen. Aber vielleicht ist es auch unfair, ein Festivalkonzert mit einer lang geplanten und feinsäuberlich durchdachten Tour, wie es eben die vergangene Drones- Tour war, zu vergleichen. Es sind völlig unterschiedliche Ausgangssituationen, mit denen Muse zu arbeiten hat. Und wie gesagt: Muse ist und bleibt eine kaum zu schlagende Liveband und bei „Mercy“ stellt sich auch für kurze Zeit dieses erhebende Gefühl ein, als Konfetti und Luftschlangen auf das Publikum niederregnen. Und wir müssen ehrlich sein:  Auch bei Rock im Park sind die Konkurrenten sehr schmal gesät, die an diese musikalische Perfektion heranreichen können, insofern: Ja, Muse sind ein absolutes Festivalhighlight gewesen.

Neben den zahlreichen Bands, die uns an diesem Wochenende größtenteils gefallen haben, sind aber auch noch ein paar andere Dinge zu Rock im Park zu erwähnen, die ebenfalls auf einem Festival wichtig sind. Daher hier unsere drei Tops und Flops des Festivals:

 

Tops:

 

  1. Die Organisation und Securities. Zumindest wir haben keine unfreundlichen oder überforderten Securities erlebt. Auch das Verlassen des Zeppelinfeldes nach den Headlinern ging diesmal deutlich reibungsloser von statten, als noch 2015, als es nach den Foo Fighters deutlich überforderte Securities gab.
  2. Das Food Line-Up! Wie bereits erwähnt, lassen sich Festivals in den letzten Jahren immer mehr einfallen, um auch die Geschmacksknospen der Festivalbesucher zu befriedigen. Und Rock im Park ist das diesmal definitiv gelungen. Unsere Highlights: die zwei leckeren Wrap-Stände, Langos und die süßen Brezn!
  3. Wassergespülte Toiletten! Seit letztem Jahr sind die Dixies zumindest auf dem Festivalgelände endgültig in den heiligen Dixiehimmel verbannt worden und stattdessen dixieähnliche Wassertoiletten aufgestellt. Wenn man Glück hat sogar mit funktionierender Spülung, Desinfektionsspender und Licht! Und das alles umsonst. Top.

 

Flops:

 

  1. Auch, wenn die neuen Toiletten zwar toll sind, so standen dieses Jahr doch deutlich weniger auf dem Gelände, als letztes Jahr. Da kann es schon mal zu längeren Warteschlangen kommen, was natürlich ärgerlich, da dies mit etwas mehr Toiletten natürlich verhindert werden könnte.
  2. Mülleimer! Ganz ehrlich: Außer vereinzelt überfüllte kleine Eimer haben wir so gut wie GAR KEINEN Mülleimer auf dem Festivalgelände gefunden, was natürlich dazu führte, dass man früher oder später sozusagen dazu gezwungen wurde, seinen Mülle auf den Boden zu werfen. Nicht gerade schön. Da gibt es noch deutlichen Verbesserungsbedarf.
  3. Der Sound könnte an manche Stellen noch ein bisschen besser sein. Vor allem im ersten Wellenbrecher ist uns das aufgefallen, wo man sich bei Rise Againstfast schon unterhalten konnte. Natürlich ist das Ganze auch der Open-Air-Acoustic geschuldet, aber da könnte man vielleicht noch was machen in Zukunft.
    Und wenn wir schon mal beim Reden während Konzerten sind: Uns ist es nun schon    wieder aufgefallen, wie oft sich Menschen während eines Konzerts unterhalten. Und zwar die gesamte Zeit. Dann geht halt weiter nach hinten. Es nervt. Punkt.

 

 

 

Alles in allem bleibt zu sagen, 2018 war ein vermutlich aufgrund der Tatsache, dass es nicht ausverkauft war superangenehm. Es war immer genügend Platz, ungemütlich eng wurde es eigentlich nie, das sah in den vergangenen Jahren bisweilen anders aus. Das Publikum nett, die Securities entspannt, es hat sich zum ersten Mal ein tatsächlich gemütlich-flauschiges Gefühl beim Park eingestellt. Einen großen Coup hatte sich Marek Lieberberg aber für den Sonntag noch aufgehoben. Irgendwann zwischen Kaleo und Snow Patrol flackerte es über die Leinwände: Der erste Headliner für 2019 ist bekannt und niemand geringeres als „Die Ärzte“ aus Berlin (auuuuus Berliiiin) und beste Bänd der Welt geben sich höchst persönlich die Ehre. Für uns heißt das natürlich auch: Hallo Rock im Park 2019!

 

Carola Schulz

Nina Menken