Slayer live in München

Es gibt nicht mehr viele Metal- und Rock-Bands, die man zur illustren Riege derjenigen zählt, die man als Fan des Genres gesehen haben muss. Das liegt primär daran, dass die Veteranen dieser Musikrichtung entweder leider schon verstorben sind oder im Begriff sind ihre Karriere mit einer Abschieds-Tour in aller Würde zu beenden.

Slayer hat in den Augen vieler Fans den Absprung mit dem Tod von Jeff Hanneman und dem Ausstieg von Dave Lombardo im Jahr 2013 nicht geschafft und es war zu befürchten, dass die Thrash-Titanen der ersten Stunde dadurch in der Bedeutungslosigkeit versinken würden. Nun haben sich die Band-Chefs Kerry Kingund Tom Araya 2018 dazu entschieden das Handtuch zu werfen und die Reaktion ihrer Anhänger hätte die Befürchtung nicht eindrucksvoller vom Tisch wischen können. Für ihre letzte Welttournee buchte das Quartett die größten Hallen der jeweils angepeilten Städte und die Termine reichen nun bis weit ins Jahr 2019 hinein, was den Eindruck erweckt, als wolle die Band sich wortwörtlich von jedem Fan auf dieser Welt verabschieden. Um den Abgang noch bleibender in Erinnerung zu belassen, haben sich Slayer auch beim Support nicht lumpen lassen und nicht minder bekannte Bands in den Tourtross aufgenommen.

Dazu gehören Obituary, Anthrax und Lamb of God. In diesem Sinne eine auf old-school Fans ausgerichtete Auswahl mit einem modernen Akzent und in einer Reihenfolge die die aktuelle Beliebtheit der jeweiligen Acts widerspiegelt. Daher eröffnen auch die erstgenannten Obituary den Abend in der MünchnerOlympiahalle mit einer souveränen Bühnenpräsenz und Spielfreude, obwohl die Spielstätte zu diesem zugegebenermaßen sehr frühen Zeitpunkt (18:15 Uhr) nur in Teilen gefüllt ist. Diejenigen, die schon da sind bedanken sich in jedem Fall mit lautstarken Gesängen und den ersten Pits, die erst mit dem dem größten Hit „Slowly We Rot“ zu einem Ende kommen. Da wir zu diesem Zeitpunkt erst 18:45 Uhr haben, sieht man in diesem Moment auch den ein oder anderen entgeisterten Blick gerade ankommender Gäste, da Einlass und Beginn der Show um eine viertel Stunde vorgeschoben wurden und selbstverständlich nicht jeder die Neuerung mitbekommen hat.

Nach einem vergleichsweise kurzen Umbau entert mit Anthrax neben Slayer ein weiteres Mitglied der „Big Four“ die Stage und beherrscht sie bis zum Schluss des 45 Minuten dauernden Sets. Mit dem charismatischen Frontman Joey Belladonna und dem scheinbar stets gut gelaunten Rest der New Yorker Kombo ziehen Anthrax gleich zu Beginn die Sympathien auf ihre Seite, als sie mit „Number Of The Beast“ von Iron Maiden als Intro und dem Main-Riff von PanterasCowboys From Hell“ ihr Set beginnen. Die nun inzwischen ordentlich gefüllte Stehfläche und weniger verwaisten Sitze tragen ihr Übriges dazu bei alle anwesenden auf den Mainact des Abends einzustimmen.

Doch zuvor muss sich die im Vergleich zu den anderen Bands jüngste Formation Lamb of God die Sporen verdienen. Garnicht so einfach, wie man es anhand der Zusammensetzung der Fans erahnen kann, die dem Aussehen nach primär den „klassischeren“ Spielarten des Metal zugeneigt sind. Doch es wären keine langjährigen Profis, wenn sie nicht mit einer ordentlich Portion Selbstbewusstsein ihre Daseinsberechtigung vor den anwesenden Slayer-Fans zu verteidigen wüssten. Den Einstieg machten die Veteranen des New Wave of American Heavy Metal sich jedoch schwieriger als nötig, indem sie den eher schwerfälligen Track „Omerta“ als Opener auserkoren. Doch durch die spürbare Energie auf der Bühne, die schnell in den sich öffnenden Pit gespült werden konnte, wurden viele anfängliche Zweifler schnell bekehrt. Trotzdem bildete der extremere Ansatz der Musik eine Anomalie an diesem Abend und damit auch eine willkommene Einladung für den ein oder anderen Provokateur sein Missfallen über die Band auch mit Gestikulationen unter der Gürtellinie kenntlich zu machen. Doch ganz die Profis, die Lamb of God nunmal immer noch sind und sich damit zurecht den vorletzten Slot sichern konnten, feuerten sie ohne erkennbaren Probleme ihr Set ab, dass mit dem allseits bekannten „Redneck“ seinen krönenden Abschluss fand.

Das große Finale war jedoch selbstverständlich den großen Slayer vorbehalten, die an diesem Abend des 29.11.2018 zum letzten Mal einen Fuß auf Münchner Bühnenboden setzen sollten. Mit dieser Tatsache vor Augen war die Halle zu diesem Zeitpunkt bis zum bersten gefüllt. Ein erstaunlicher Umstand, wenn man bedenkt, dass die Band üblicherweise im deutlich kleineren Zenith ihre Konzerte bestritten hat. Hier haben sich wohl auch viele derjenigen versammelt, die den Kaliforniern schon mal abgeschworen hatten, ihnen nun aber die letzte Ehre erweisen wollten. Und schon gleich zu Beginn der Show fragt man sich unwillkürlich, warum uns diese Legende nicht noch ein paar Jahre erhalten geblieben ist. Ein gigantisches Bühnenbild, samt fluoreszierendem Backdrop, ein Haufen gut getimter Pyroeffekte und eine mit Spielfreude gesegnete Band wurden nach einem Stimmungsvollen Intro mit den schneidenden Riffs von „Repentless“ serviert. Es ist offensichtlich, dass hier Tom Araya, Kerry King, Paul Bostaph und Gary Holt nochmal alles aus sich raus holen wollen, bevor der unvermeidbare Abschied zur Gewissheit wird.

So wurde es auch über das gesamte stolze 19 Songs umfassende Set beibehalten, dass aus der gesamten Karriere der Band zu schöpfen schien. Eine Ausnahme bildete dabei die Abwesenheit von Songs aus den Alben „Undisputed Attitude“ und „Diabolus In Musica“, die sowohl Fans als auch die Band selbst als unrühmliche Kapitel der eigenen Geschichte ansehen. Nichtsdestotrotz gibt es mehr als genug Hits aus alten wie neuen Tagen, um den Abend bis zur letzten Sekunde füllen zu können. Im Klartext wurden in typischer Slayer-Manier ohne große Ansagen, aber gelegentlich eingeworfenen (und ehrlich klingenden) Dankaussagungen für die langjährige Treue, die Tracks ohne Gnade unter Gesängen und Moshpits abgebrannt, bis die Show durch das inzwischen als Hommage an den verstorbenen Gitarristen Jeff Hanneman gedachte „Angel of Death“ (samt passendem Hanneman-Backdrop) beschlossen wurde. Der endgültige Abschied verlief jedoch etwas wehmütiger, als man sich eventuell gedacht hat. Zwar verließen alle außer Araya nach einigen Minuten die Bühne, doch der Frontmann beließ es nicht bei einem einfachen finalen „Danke“. So schritt er die Menge symbolisch von Seite zu Seite ab und verharrte still mit Blick auf den ihm jeweils zugeneigten Teil der Halle. Man konnte förmlich spüren, wie er die letzten Momente als Mitglied von Slayer in sich aufzunehmen versuchte, um sich mit dem mit gebrochener Stimme vorgetragenen (deutschen) Satz „Ich werde euch vermissen“ endgültig von München zu verabschieden.

Alles in allem war es daher nicht einfach nur ein großartiges Metal-Konzert, dass den hiesigen Fans noch lange in Erinnerung bleiben sollte, sondern ein mehr als würdiger Abschied, der unterstreicht was für eine einflussreiche Band nun ihren selbst gewählten Rückzug durchgezogen hat. Es bleibt nichts mehr zu sagen, als ein großes „Danke“ für alle die Jahre Musik-Geschichte und Inspiration für mehrere Generationen an Musikern. Man wird sie vermissen.

Igor Barkan