Tod dem Schweigefuchs bei Fack ju Göthe – se Mjusicäl

Pausenläuten. Eine Durchsage der Rektorin Frau Gerster, die die Zuschauer in gewohnt rumpeligem Ton auf ihre Sitzplätze zitiert und mehr oder weniger freundlich darauf hinweist, dass die Handys doch bitte auszuschalten seien. Ohne ein „bitte“, aber das das versteht sich von selbst. Fack ju Göthe – se Mjusicäl schafft es, schon bevor es überhaupt losgeht das gute alte Schulgefühl heraufzubeschwören, während man schuldbewusst sein Mobiltelefon aus der Tasche kramt.

 

180° Bühne – der Glücksgriff

 

Vom Handy losgelöst stellt man fest: Man befindet sich in einer Sporthalle. Links und rechts zieren Grafitti die Wand, vor einem liegt der bekannte Boden einer Allzweckturnhalle. Holzbänke stehen auf dem Boden, Pferd und Kästen aus dem Turnunterricht haben es auch auf die Bühne geschafft. Diese werden im Verlauf des Abends multifunktional als Requisiten eingesetzt werden. Sowohl Bühnenbild als auch Raumnutzung sind in dieser Inszenierung exzellent. Die 180° Bühne erweist sich für das Stück als Glücksgriff. Durch die direkte Nähe zum Zuschauer ermöglicht sie es den Schauspielern, auf einer Ebene mit ihrem Publikum zu kommunizieren. Die sonst durch die klassische Bühnensituation gegebene Distanz zwischen Darsteller und Zuschauer schwindet völlig, was durch den amphietheaterhaften Aufbau begünstigt wird. Das Publikum wird sofort Teil der Szenerie, man ist quasi selbst Schüler. Herzlich Willkommen an der Goethe Gesamtschule. Eben der Gesamtschule, die durch Bora Dagtekins Kinoerfolg „Fack ju Göthe“ berühmt wurde und nun die Musicalbühnen entert. Regisseur Christoph Drewitz hat sich mit einem großen Team an den Stoff gewagt. Reputation bringen alle Mitwirkenden zu genüge mit, auf dem Papier ist klar: Fack ju Göthe-Se Mjusicäl muss ein Erfolg werden. Die einzige Frage, die jetzt noch bleibt: Kann man einen Kinofilm zu einem Musical adaptieren?

 

Gelungene Filmadaption

Die Antwort ist kurz und bündig: Ja. Es geht. Irgendwie. Das liegt aber insbesondere an den von Bora Dagtekin geschaffenen Figuren rund um Ex-Knacki-Aushilfspauker Zeki Müller und Hippielehrerin Lisi Schnabelstedt. Die Geschichte ist bekannt: Zeki Müller verlässt nach einigen Monaten Gefängniszwischenstopp die Haftanstalt und stellt fest: Über dem Beuteversteck wurde inzwischen die Sporthalle der Goethe-Gesamtschule errichtet. Müller heuert als Aushilfslehrer an, um seine Beute zurückzubekommen. Dabei lernt er die Hippiekollegin Lisi Schnabelstedt kennen und übernimmt die liebenswert asoziale Klasse 10B. Es kommt wie es kommen muss: Er verliebt sich in Kollegin und Job. Ende der Geschichte.

 

Bunte musikalische Anleihen

 

Diese Story funktioniert auch als Musical. Die Dialoge haben sich zum Ausgangsmaterial kaum verändert, neu dazugekommen sind ein paar schmissige Songs mit Anleihen aus HipHop, R’n’B und Pop samt gymnasiastenlyrischen Schüttelreimen. Aber das ist im Sinne der Authentizität in Ordnung. Was möchte man denn von Chantal und Co anderes erwarten. Dazu gibt es ein paar popkulturelle Anspielungen, wie etwa an Rapper Haftbefehl („Chabos wissen wer der Burak ist“), Cro’s Pandamaske oder den Auftritt eines Michael Jackson-Jan Delay Hybriden.

 

Hier und da schleicht sich auch ein Ohrwurm ein „Schule ist hardcore – alle drehen durch“, nach diesem Motto macht die Klasse 10 B ihren Lehrern das Leben zur absoluten Hölle. Musikalisch wird das ganze temporeich mit ein paar feinen Beats umgesetzt. Die Songs werden teilweise repetitiv eingesetzt und stützen so das emotionale Grundgefüge, das dem Zuschauer nähergebracht werden soll.

 

Grundsätzlich hetzt das „Mjuscäl“ jedoch durch die Story. Eine grell überdrehte Szene jagt die nächste, manchmal wird das ein bisschen viel für den Zuschauer. Gut, dass die Grundgeschichte den meisten Besuchern bekannt sein dürfte. Umso auffälliger sind dann allerdings die  leichten Anpassungen der Storyline an die Bühnengegebenheiten. So wurden beispielsweise einige Figuren aus der Geschichte geschrieben und ihre Handlungsstränge anderen handelnden Figuren übergeben. So geschehen mit Lisis bester Freundin und Kollegin. Diese wird von Lisis kleiner Schwester Laura mitgetragen. Das reißt in den Plot tatsächlich ein größeres Loch und die Figur „Laura Schnabelstedt“  findet sich in einen Zwiespalt aus pubertierendem Teenie und bester Freundin der neurotischen Schwester Lisi Schnabelstedt wieder. Schwierig. Aber funktioniert.

 

Gute Darstellerleistungen

 

Wer auf der Bühne übrigens besonders gut funktioniert ist Lisi Schnabelstedt.  Johanna Spantzel haucht ihrer chaotisch-verbohrten Figur eine Menge Charme ein. Eine ebenso großartige Leistung zeigt Rebekka Corcodel als Chantal. Sie setzt das flippige und zugegeben leicht dumme Mädchen auf der Bühne perfekt um. Sprache und Gestus sind im Einklang und Corcodel schafft es, Chantal einen wirklich liebenswerten Touch zu verpassen. Schade ist nur, dass man die gesanglichen Fähigkeiten von Spantzel und Corcodel nur selten zu hören bekommt. Musikalisch ist „Fack ju Göthe-se Mjuscäl“ leider auf einen eher unglücklichen Mix aus Gesang und Sprechgesang ausgelegt. Die Orientierung an Rap macht in Bezug auf die Story Sinn, leider raubt es den Schauspielern eine Menge an Entfaltungsmöglichkeiten ihres Könnens. Momente, in denen das Ensemble dann jedoch als funktionierender Chor auftritt, wie beispielsweise beim „Zeitkapselsong“ sind dann plötzlich die Highlights des Abends und sorgen für Gänsehaut.

 

Romeo und Julia endlich mit Happy End

 

Herausragend auch: Im Mjusicäl wird sich gottlob Zeit für die komplette Schulinszenierung von Shakespeares „Romeo und Julia“ Zeit genommen, was das absolute Highlight des Abends ist. Chantal moderiert lässig durch die Capulet vs. Montague Krise und man bekommt endlich die dreickindeske Inszenierung, die man im Film schmerzlich vermisst hat. Inklusive Happy End – sowohl Julia als auch Romeo überleben diesen Abend.

 

Einstieg für Musicalneulinge gewährleistet

 

Zieht man ein Fazit zum Abend: Fack ju Göthe – se Mjusicäl funktioniert tatsächlich mit einigen Abstrichen. Was es aber sehr gut kann: Es unterhält und das verdammt gut. Die beinah zweieinhalbstündige Inszenierung fliegt im Nu vorbei. Das Musical ist grundsätzlich auf eine jüngere und vielleicht nicht genreaffine Zielgruppe ausgelegt und genau dafür erfüllt es einen sehr guten Zweck: Es lockt einen in die Inszenierung, es wirkt leicht genug, um einen als Zuschauer nicht komplett zu erschlagen und es macht verdammt gute Laune. Der Abend ist so laut und turbulent, da hat selbst Lisi Schnabelstedts berühmter Schweigefuchs keine Chance. Läuft also.

Carola Schulz

fjg-probenszene-mit-johanna-spantzel-als-lisi-schnabelstedt fuckju-(7) fuckju-(13)
<
>